Das gekränkte Ich

Eine narzisstische Kränkung kann üble Folgen haben, wie man derzeit an Donald Trump beobachten kann. Das gekränkte Ich läuft Amok. Nicht nur in USA. Schon lange vor der Covid 19 Pandemie konnten wir auch in Deutschland eine Konkurrenz gekränkter Seelen beobachten. Ständig war jemand wegen irgendwas beleidigt. Gendern und Nicht-Gendern, geschlossene Grenzen oder Willkommenskultur, Autobahn oder Wald… Wer gekränkt agierte, konnte mit Aufmerksamkeit rechnen. Gekränkt-Sein lohnte sich emotional, politisch, sogar finanziell.

Durch die Pandemie hat diese Kränkungsdynamik nun noch eine ganz andere, bedrohliche Dimension bekommen. Menschen werden plötzlich nicht mehr gebraucht: Musiker, Schauspieler, Tänzer, Gastwirte, Köche, Geschäftsinhaber im Einzelhandel, Angestellte im Reisebüro…Was sie können und wissen, wird von heute auf morgen nicht mehr abgefragt. Es ist als wären auf der Bühne der Gesellschaft die Scheinwerfer für all diese Menschen abgeschaltet worden. Das ist eine enorme Kränkung und macht auf Dauer krank. Auch wenn die Betroffenen es erst mal akzeptieren und scheinbar wegstecken.

Psychologen warnen vor einer möglichen Welle psychischer Erkrankungen. Viele Menschen können so einen "Generalangriff aufs Ich" irgendwann nicht mehr abwehren.

Mich wundert in diesem Zusammenhang, dass es in Deutschland immer noch Amtstierärzte gibt, die ihre Arbeit tun, obwohl sie einem Dauerbeschuss von Kränkungen ausgesetzt sind.

Sie machen eigentlich – so die Meinung der meisten Zeitgenossen – alles falsch, was man überhaupt nur falsch machen kann.

Den einen machen sie zu viel - den andern zu wenig Tierschutz.

Sie sollen Lebensmittelsicherheit garantieren, aber ja nicht so oft kontrollieren und vor allem keine Menschen mit Migrationshintergrund.  

Sie sollen Gerichtsverfahren erfolgreich durchführen ohne eine juristische Aus- oder wenigsten Weiterbildung erhalten zu haben.

Sie sollen Schlachthöfe überwachen, aber nicht so genau auf die Betäubung schauen, denn das könnte die "Produktion" verlangsamen.

Sie sollen den Landwirt, den Verbraucher, das Gesundheitsamt, den Landrat, das Ministerium, die Tierschützer keinesfalls mit irgendetwas aufregen, und sich selbst schon gar nicht.

Wer hält so was aus? Vielleicht haben Amtstierärzte besondere Anti-Kränkungs-Gene, die sie befähigen, in einem solchen Umfeld überhaupt noch etwas zu leisten.

Und was ich persönlich für die schlimmste Kränkung eines ganzen Berufsstandes halte: Die fachliche Qualifikation der Veterinäre wird nicht abgefragt. Amtstierärzte haben ein langes, teures und anspruchsvolles Studium hinter sich. Aber ihr professionelles Wissen ist unerwünscht. Wann fragen Politiker wirklich nach, was Veterinäre über Tiere wissen? Wie schwer wiegt ihre Professionalität vor Gericht? Wie kann es sein, dass Tierschutz und Tiergesundheit immer noch im Landwirtschaftsministerium angesiedelt sind, also genau in dem Ministerium, das rigoros die Interessen der Bauern vertritt? Wieso eigentlich nicht im Umwelt-, Gesundheits- oder Justizministerium? Ich empfinde das als eine massive Kränkung für den tierärztlichen Berufsstand als Ganzes und für die einzelnen Tierärzte und Tierärztinnen als Menschen, die wie wir alle - so gut wie möglich - ihrer täglichen Arbeit nachgehen.

Diese Covid 19 Pandemie ist ja keine Krise, die unerwartet über die Menschheit hereingebrochen wäre. Seit Jahren weisen internationale Epidemiologen auf die Gefahr eines Übersprungs von Zehntausenden noch unbekannter Viren aufgrund der Habitatzerstörung und der Massentierhaltung hin. Hier ist die Professionalität und die praktische Erfahrung der Amtstierärzte dringend gefragt. Nur – es fragt leider niemand. Und wenn Medienvertreter unbequeme Fragen stellen, dann dürfen die Amtstierärzte nicht antworten…

Mein lebenslanges Interesse ist das Recht der Tiere auf Leben, Freiheit und Glück. Meine lebenslange Überzeugung ist: Ohne Tierärzte kann und wird es keinen Tierschutz geben.

Und meiner – ebenfalls lebenslangen - Erfahrung nach gibt es viel zu viele Amtstierärzte die irgendwann nicht mehr können und resignieren, weil sie physisch und psychisch am Ende ihrer Möglichkeiten sind.

Das kann sich unsere Gesellschaft nicht länger leisten.

Hier sind Bund und Länder und Landkreise gefragt. Dringend.

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