Das Gute hat kein Verfallsdatum

In der jüdischen und der christlichen Tradition gibt es den interessanten Gedanken von einem Verfallsdatum für Gut und Böse. Letzteres entfaltet seine hässlichen Auswirkungen bis in die dritte und vierte Generation nach den Tätern. Das Gute hingegen wirkt bis in die tausendste Generation, das heißt: unendlich. So die Aussage der Bibel.

Die Psychologie unterstützt diesen Gedanken zumindest was das Böse angeht, indem sie in umfangreichen Forschungsprojekten untersucht, wie es kommt, dass zum Beispiel die Enkel der Tätergeneration des 3. Reiches unter biographisch völlig unerklärlichen posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Aktuell sieht es ja so aus, dass Tiere und Tierschutz global im Focus sind wie noch niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Gleichzeitig wächst das Leid der Tiere unerbittlich von Jahr zu Jahr hauptsächlich durch Habitatzerstörung und landwirtschaftliche Tiernutzung.

Wenn wir die Vorstellung von einem Verfallsdatum für Gut und Böse einmal unverbindlich für den Tierschutz übernehmen, eröffnet das eine neue, hoffnungsvolle Perspektive – in die Vergangenheit und die Zukunft.

Kapitalistische Wirtschaftsform und Industrialisierung haben zu einer noch nie dagewesenen Ausrottung und Versklavung von Tieren geführt. Dieser Lebensstil ist jedoch nicht unendlich fortsetzbar. Das wird immer deutlicher, auch wenn diese Wahrnehmung derzeit ohne aktive Konsequenzen bleibt. Aber selbst wenn noch unsere Urenkel unter den Folgen unserer Habgier und Dummheit zu leiden haben, gibt es dafür ein Verfallsdatum. Und das zeichnet sich schon ab. Wir können also hoffen, dass unsere Kindeskinder Auswege aus der Krise und zu einem geduldigen Miteinander der Spezies auf diesem Planeten finden.

Denn gleichzeitig sind wir und unsere Nachkommen ja auch die Erben von mutigen, barmherzigen, klugen Menschen, die uns vorgearbeitet und ihre uneingelöste Hoffnung an uns weitergereicht haben. Im deutschen Tierschutz sind das große Persönlichkeiten wie Albert Schweizer oder Bernhard Grzimek. Aber auch längst vergessene Menschen wie die beiden Pfarrer Adam Dann und Albert Knapp oder die Schwestern Margarete und Olga Bartling haben vieles Gute bewirkt, das mit ihrem Tod noch lange nicht verschwunden ist. Das Gute hat eben kein Verfallsdatum!

Und das gilt auch für uns selbst. Jede in mühsamen Gerichtsverfahren durchgesetzte Beschlagnahmung von Tieren durch einen Amtsveterinär, jeder gerettete und vermittelte Hund, jede Umstellung von Anbindehaltung zum Freilauf, jeder nicht durchgeführte Tierversuch – all das und vieles andere ist ohne Verfallsdatum. Es wirkt weiter und stärkt, und ermutigt die Menschen, die nach uns kommen und weiter für die Rechte der Tiere auf Leben, Freiheit und Glück streiten. Den kommenden Generationen hilft das Gute, das wir in die Welt getragen haben, auch wenn wir selbst oft fassungslos vor der Wirkungslosigkeit unserer Mühe für die Tiere stehen. 

Das Böse hat nur drei, höchstens vier Chancen. Das Gute wirkt bis in alle Ewigkeit. Es schadet nichts, das einfach mal als Arbeitshypothese zu nehmen….

Hessen-Suche