Der Verbraucher soll es richten – die große Ausrede!

Aus meiner Kinderzeit kenne ich das "Resteessen", das immer dann stattfand, wenn meine Mutter genügend Überbleibsel gesammelt hatte, um daraus eine neue Mahlzeit zu zaubern. Lebensmittel wegzuwerfen war keine Option, und ich kann das bis heute nicht.
Mittlerweile lebe ich in Deutschland in einer Gesellschaft, deren wachsender Wohlstand mit immer größerer Lebensmittelverschwendung einhergeht. Bei uns sind die Kosten für Lebensmittel im Vergleich zu anderen Konsumgütern relativ niedrig. Das hat Auswirkungen auf die Menge, die gekauft und als überflüssig entsorgt wird. Und so landen jährlich 12 Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland im Müll, der weitaus größere Anteil in den Tonnen der Haushalte, nicht in den Containern der Supermärkte.
Das scheint zu bestätigen, daß die Politiker recht haben, die mit langem Finger auf "den Verbraucher" zeigen, der Billig-Fleisch, Billig-Eier, billig, billig, billig will und davon viel.
Der Verbraucher will das so. Der Verbraucher nimmt das Tier-Elend in Kauf. Dem Verbraucher ist außer den Preisen alles egal. Der Verbraucher ist überhaupt ganz schlimm, unbelehrbar, raffgierig, ohne Umweltbewußtsein und völlig emotionslos im Hinblick auf Tierleid…
Der Verbraucher muss sich ändern, dann wird alles gut!
Ich habe gegenüber dieser Schuldzuweisung erhebliche Zweifel.
Wer genehmigt denn diese Un-orte von Schlachthöfen mit Leiharbeitern und der Tötung und Verarbeitung von bis zu 30.000 Schweinen am Tag?
Wer bezuschußt die Massentierhaltung, die für Gift im Grundwasser, Bienensterben und Antibiotika in Lebensmitteln verantwortlich ist?
Wer erteilt Nutzungsgenehmigungen für die Netzkäfige der marinen Fischproduktion, die nur mit Großeinsatz von Pestiziden funktionieren und Sojafutter aus Südamerika?
Wer verteilt jährlich riesige Summen an Steuergeldern allein dafür, dass ein Landwirt Land bewirtschaftet, egal wie?
Das ist doch nicht der Verbraucher. Das sind auch nicht wirklich die Minister A, B oder C. Sie sind als Personen beliebig austauschbar. Und als Funktionsträger etwa im Landwirtschaftsministerium haben sie nur eine Aufgabe: den Profit zu vermehren im Dienst eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Credo die Steigerung von Produktion und Verbrauch ist, also "mehr" von allem. Dieses System ist unabhängig von den Personen, die ihm dienen und absolut veränderungsresistent. Unter anderem deshalb, weil der Verbraucher, also Sie und ich, null Einfluss auf die Produktion haben. Wir sind aber ständig mit einer psychologisch äußerst raffinierten Werbung konfrontiert, die uns "billig, billiger, am billigsten" anpreist.
Wenn wir das Resteessen wiedereinführen, wenn wir mehr bezahlen für Lebensmittel und weniger kaufen, dann tut uns das gut, wir erobern uns sozusagen die Herrschaft über unseren Teller zurück. Aber das ändert nichts für die Tiere, nichts für die Landwirte, nichts für das Klima, nichts für die arme verletzte Erde. Was wir in Deutschland nicht kaufen, wird exportiert in alle Welt, lebend oder tot. Irgendein Abnehmer findet sich immer. Das ist schon bei Industriegütern im Hinblick auf die Produktionsketten höchst fragwürdig. Im Hinblick auf Tiere und deren Leben ist es einfach nur falsch.
Das ist keine schöne Erkenntnis. Aber es ist zumindest ehrlich. Und eine Wahrheit anzuerkennen ist oft der erste Schritt zur Veränderung. Wahrheit macht nämlich frei, und das mögen Systeme nicht.

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