Die Würde der Tiere

Mein Herzensanliegen im Hinblick auf Tierschutz war und ist, für die "Würde der Tiere" einzutreten. Und nun nach über 3 Jahrzehnten muss ich ehrlicherweise zugeben, dass mein jahrelanges emotionales und professionelles Engagement zwar einiges zum Guten für Tiere bewirken konnte, aber die Chancen für eine gesellschaftliche Veränderung im Hinblick auf mehr Respekt vor Tieren habe ich leider überschätzt.
Bei Tierschutz und Tierrechten geht es um Gesetze und deren Vollzug. Das lässt sich regeln, hoffentlich in Zukunft auch so, dass Konflikte nicht mehr auf dem Rücken der Amtstierärzte ausgetragen werden. Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass sich kompetente Juristen Seite an Seite mit Veterinären und Tierschützern für Tiere einsetzen. Für wirksamen Schutz und bessere Gesetze kann und muss man mit demokratischen Mitteln kämpfen.
Ein in der Verfassung verankerter Anspruch auf Respekt vor einer Tierwürde (wie es die Schweiz seit 20 Jahren festschreibt) ist etwas qualitativ anderes. Das ist eine Vision und zwar eine, die noch viel weiter von der Wirklichkeit entfernt ist als die Vision einer Menschenwürde.
Es gibt zwar eine Fülle philosophischer Literatur über Tierrechte und Tierwürde, aber das meiste davon ist praxisfern und ohne Konsequenzen, die bei den Tieren auch wirklich ankommen. Das Leid der "Nutz"tiere ist in den letzten 25 Jahren unaufhaltsam größer geworden, einmal weil es jedes Jahr mehr Tiere sind , die weltweit landwirtschaftlich "genutzt" werden, und zum andern weil Europa und die USA ihre industriellen Haltungssysteme und das damit verbundene Tierleid global vermarkten. Die weltweite Praxis bei Haltung, Transport und Schlachtung ist so grauenvoll, dass an Tier-Würde in dem Bereich überhaupt nur zu denken, völlig absurd ist.
Und dennoch, obwohl das hoffnungslos, wirkungslos und sinnlos erscheint, dennoch

  • können wir als Einzelne unsere Sprache überprüfen und "Herde" sagen, statt "Bestand" und "sterben" statt "verenden"
  • können wir, wenn es um Naturschutz geht, das Individuum wertschätzen, egal ob die Art gefährdet ist oder nicht
  • können wir prüfen, ob wir eine moralisch aufgepeppte 24 Stunden peep show im Stall oder im Zoo erlauben oder nur einige Stunden elektronische Besuchszeit
  • können wir entscheiden, welche Fotos von Tieren in höchster Not wir veröffentlichen und welche nicht
  • können wir Hund oder Katze als Individuen behandeln, deren Lebenssinn eben nicht darin besteht, unsere Bedürfnisse nach Kontakt, Macht oder Spaß zu erfüllen

Dieses "dennoch" ist nur ein winziges Zeichen des Respektes vor der Würde der Tiere. Aber es ist ein "dennoch" des Glaubens an eine gute Zukunft für Menschen und Tiere. Und darin liegt meiner Erfahrung nach eine große Kraft und manchmal sogar ein wundersames Glück.

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