Möglichkeiten und Grenzen der Tierzucht unter dem Aspekt des Tierschutzes und der Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere

  • Katzen mit winzigem Näschen – putzig?
  • Hunde im Faltenfell – lustig?
  • Rasant wachsende Masthähnchen – leistungsstark?
  • Schwanzlose Katzen – exquisit?
  • Tauben mit übergroßen Schnabelwarzen – skurril?
  • Hündchen im Taschenformat – praktisch?
  • Hühner auf extrem kurzen Beinchen – originell?
  • Kaninchen mit schleifenden Hängeohren – preisverdächtig?

... oder ein Fall für den Tierschutz?

Schon unsere Vorfahren züchteten Haustiere, indem sie gezielt Elterntiere mit nützlichen körperlichen Merkmalen oder Eigenschaften auswählten. Während in der heutigen Landwirtschaft die Zucht von Hochleistungsrassen im Vordergrund steht, geht es bei der Hobby-Kleintierzucht ebenso wie bei der Zucht von Rassekatzen und -hunden vornehmlich um das äußere Erscheinungsbild der Tiere, das den Wunschvorstellungen entsprechend gestaltet und prämiert wird.
In einigen Fällen hat man dabei Zuchtmerkmale ins Extrem gesteigert oder zufällig aufgetretene Mutationen weitergezüchtet, ohne auf mögliche nachteilige Folgen für das Tier zu achten. Mit dem heutigen Verständnis eines ethisch motivierten Tierschutzes ist dies nicht vereinbar.

…und Grenzen

  • Züchterischer Ehrgeiz muss dort seine Grenze finden, wo Wohlbefinden und Gesundheit der Tiere beeinträchtigt werden:
    Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ (§ 1 Tierschutzgesetz)
  • Da dieses seit 1986 geltende, sogenannte „Qualzuchtverbot“ in der Praxis nur wenig beachtet worden ist, hat Hessen 1994 als erstes Bundesland eine Liste von Zuchtmerkmalen erstellt, die nach den Kriterien des § 11 b TschG und aufgrund vorliegender wissenschaftlicher Untersuchungen als tierschutzrelevant gelten müssen. Dies gilt zum Beispiel für haubentragende Enten, bei denen häufig Schädellücken, Hirnveränderungen und eine erhöhte Sterblichkeit festzustellen sind. Oder auch für weiße Katzen, die vor allem bei gleichzeitig blauer Augenfarbe oft taub sind. Eine aktuelle Liste kann bei der Landestierschutzbeauftragten angefordert werden.

Umdenken gefragt

  • Tierzucht hat gerade im Bereich der Hobbyzucht eine lange Tradition und vielen fällt es schwer, eigene Zuchtziele zu überdenken oder in Frage stellen zu lassen.
  • „Tierschutz – ja, aber ...
  • ... ich bin doch kein ’Tierquäler‘!“
    Eine absichtliche Tierquälerei wird auch niemandem unterstellt. Trotzdem kann manche Extrem- oder Defektzucht den Tieren zur „Qual“ werden.
  • „ ... die Tiere leiden doch gar nicht.“
    „Leiden“ ist nur eines der im § 11 b TschG genannten Kriterien. Das Verbot greift auch, wenn „Schäden“ auftreten, ohne dass das Tier erkennbar leidet. Außerdem kann man nicht nach dem Zustand von Einzeltieren urteilen. Es zählt die ganze Nachzucht einschließlich eventuell vorzeitig gestorbener Tiere.
  • „ ... so geht doch „altes Kulturgut“ verloren!“
    Kaum, denn oft können die betroffenen Rassen weitergezüchtet werden, wenn Extreme zurückgebildet werden oder auf ein einzelnes Merkmal verzichtet wird. Das Beharren auf den derzeitigen Zuchtformen auf Kosten der Tiere dürfte dagegen mit dem heutigen Kulturverständnis schwerlich vereinbar sein.
  • „ ... der internationale Zuchtstandard!“
    Auch internationale Standards lassen sich ändern, z.B. auf der Grundlage des Europäischen Übereinkommens zum Schutz von Heimtieren. Zudem ist niemand gezwungen, nach internationalem Standard Tiere zu züchten. Im Konfliktfall hat die Einhaltung des Tierschutzgesetzes Vorrang.

Noch Fragen?

  • Was passiert, wenn man weiter Tiere mit tierschutzrelevanten Merkmalen züchtet?
    Die in Hessen für den Vollzug des Tierschutzgesetzes zuständigen Staatlichen Ämter für Lebensmittelüberwachung, Tierschutz und Veterinärwesen sind per Erlass angehalten, solche Zuchten nicht länger zu dulden. Sie können nach Aufklärung der oder des Betroffenen die Einstellung der Zucht verfügen und ein Bußgeldverfahren einleiten.
  • Was passiert mit den vorhandenen Tieren aus unzulässigen Zuchten?
    Die Tiere dürfen weiter gehalten werden – sofern man zuverlässig dafür sorgt, dass sie sich nicht weiter fortpflanzen können. Sie verdienen uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Pflege, denn sie können schließlich nichts für ihre Züchtung.
  • Darf man diese Tiere auch ausstellen?
  • Rechtlich gesehen ja, doch wäre es sicherlich angemessen, aus ethischen Gründen auf ihre Ausstellung und Prämierung freiwillig zu verzichten.

Helfen Sie mit!

Hessen hat mit seiner Initiative zur Umsetzung des § 11b TschG einen Anfang gemacht, Öffentlichkeit und Behörden sowie Bund und Bundesländer für die Problematik sensibilisiert. Aber es gibt noch viel zu tun. Deshalb:

  • Setzen Sie sich als Züchterin oder Züchter verantwortungsbewusst mit Ihren Zuchtzielen auseinander und berücksichtigen Sie nicht nur eigene Wunschvorstellungen, sondern auch die Bedürfnisse der Tiere.
  • Nutzen Sie als Zuchtverein oder Verband Ihre Möglichkeit, tierschutzgerechte Standards zu formulieren und auf problematische Zuchtvarianten zu verzichten.
  • Sehen Sie als Preisrichterin oder Preisrichter davon ab, extreme Merkmalsausprägungen in der Bewertung zu bevorzugen.
  • Wenn Sie ein Rassetier kaufen oder eine Zucht beginnen möchten, informieren Sie sich unbedingt vorher über mögliche Zuchtdefekte und Gesundheitsrisiken. Meiden Sie grundsätzlich Tiere mit extremen Merkmalsausprägungen. Vorsicht bei neuen Farbmutationen.
  • Machen Sie Andere auf die Problematik tierschutzwidriger Züchtungen aufmerksam.

 

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