Ganzjährige Anbindehaltung bei Milchkühen

In Deutschland werden etwa 4,2 Millionen Milchkühe gehalten; Hessen gilt dabei aber eher nicht als klassisches Bundesland mit großen Milchviehbetrieben. So gab es laut Landwirtschaftszählung in 2010 knapp 174.000 Haltungsplätze für Milchkühe bei insgesamt 631.000 für alle Rinder in hessischen Betrieben.

Die LBT hat in 2012 die Daten des Statistischen Landesamtes genauer ausgewertet. Ergebnis ist, dass noch immer 57 % aller hessischen Betriebe ihre Rinder im Anbindestall (mit oder ohne Weidegang) halten.

Von den gehaltenen Tieren standen in 12 % der Betriebe 2010 über 5 % der Milchkühe in ganzjähriger Anbindung - d. h. ganz ohne Weidegang 365 Tage im Jahr in Anbindung -, was bei annähernd 174.000 Haltungsplätzen für Milchkühe immerhin noch knapp 9.000 Tiere betrifft. Eine Korrelation zum Alter des Betriebsinhabers oder auch zur Frage des haupt- oder nebenerwerblich geführten Betriebes gibt es offenbar nicht. Damit kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese Haltungsform sozusagen „von selbst ausstirbt“. Die Anbindehaltung ohne Weidegang betrifft neben den Milchkühen aber auch die übrigen Rinder mit fast 13.000 Tieren hessenweit, was knapp 3 % der Haltungsplätze entspricht.

Die ganzjährige Anbindehaltung ist definitiv nicht als tiergerechtes Haltungssystem zu werten und ist u. a. für biologisch wirtschaftende Betriebe mittlerweile verboten.

Sie erlaubt den Tieren keinerlei Fortbewegung, erschwert den Kühen das Abliegen und Aufstehen wegen der Fixierung und des knapp ausreichenden Platzangebotes und schränkt auch andere Grundbedürfnisse wie Komfortverhalten (z. B. Körperpflege, Thermoregulation) Erkundungsverhalten oder auch Sozialverhalten (z. B. Gruppenbildung) entweder stark ein oder verhindert die Ausübung gänzlich. Auch bei der Betrachtung der Tiergesundheit weist alles darauf hin, dass bei Tieren im Laufstall bzw. mit Weidegang deutlich weniger Krankheiten wie z. B. Lahmheiten und Klauenerkrankungen auftreten.

Wenn Grundverhaltenskreise wie artgerechte Bewegung gar nicht mehr ausgeübt werden können und somit Grundbedürfnisse anhaltend zurückgedrängt werden, leiden Tiere erheblich. Dies stellte die EU-Kommission in Zusammenhang mit der Legehennenhaltung in Käfigen bereits fest. Im Falle der ganzjährigen Anbindehaltung werden sogar mehrere Verhaltenskreise unterdrückt.

Inzwischen beurteilen dies auch die ersten Gerichte dementsprechend. Das niedersächsische OVG Lüneburg bestätigte am 26.10.2012 in 2. Instanz eine amtstierärztliche Verbotsverfügung.

Ein Landwirt sollte zur Änderung seiner Haltung den Tieren mindestens einen Laufhof zur Verfügung stellen oder den Tieren zumindest zeitweilig Weidegang ermöglichen. Das VG Stade wertet die ganzjährige Anbindehaltung hier als Verstoß gegen § 2 Nr. 1 als auch gegen § 2 Nr. 2 Tierschutzgesetz.

Ganzjährige Anbindehaltung von Rindern entspricht also definitiv nicht mehr den Vorgaben des § 2 TierSchG und ist auch nicht mehr mit dem Gedanken des Tierschutzes als Staatsziel in Einklang zu bringen. Zu diesem Schluss kommen auch diverse juristische Ausarbeitungen, genauso wie die gesichteten fachwissenschaftlichen Arbeiten.

Vor diesem Hintergrund schlug die LBT erneut ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung mit angemessener Übergangsfrist in Kombination mit einem Förderprogramm zum Bau von Laufhöfen vor. Ein solches Förderprogramm legte z. B. Bayern auf. Das Land förderte 2013 im Rahmen eines Sonderprogramms den Bau von Ausläufen / Laufhöfen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen landwirtschaftlicher Nutztiere.

Optimal wäre es aus Sicht des Tierschutzes natürlich, wenn alle Kühe in einem Laufstall mit Weidegang gehalten würden. Dies wird aber leider nicht oft verwirklicht. Zumeist kommen Laufstallkühe leider nicht mehr auf die Weide.

Deshalb hält die Landestierschutzbeauftragte die Kombination Anbindehaltung für einige Monate im Jahr und Weidehaltung für einige Monate im Jahr für einen mittelfristig noch akzeptablen Kompromiss.

Langfristig muss der Ausstieg aus jeglicher Anbindehaltung erfolgen, wobei aber gleichzeitig die Haltung von Kühen im Laufstall unbedingt mit Weideperioden auf Grünland verbunden werden müssen. Der Wert von Weidehaltung ist nicht nur aus Sicht des Tierschutzes sehr groß, sondern auch aus Sicht des Naturschutzes und der Erhaltung der Landschaft.

Hessen-Navigator

Wie können wir Ihnen helfen? Geben Sie einen Suchbegriff ein.