Pferdegulasch und Hundefondue

Pferdegulasch in brauner Sauce. Engländer sind geschockt. Schweizer kaufen die Zutaten im Supermarkt.
Schweineschnitzel mit Pommes frites. Fromme Muslime wenden sich entsetzt ab. Vielen Deutschen läuft das Wasser im Mund zusammen.
Hundefondue scharf gewürzt. Österreichern wird vermutlich schlecht. Für viele Vietnamesen ist das eine Delikatesse.
Gartenammer in Weinbrand ertränkt. Die meisten Holländer finden das eklig. Für manche Franzosen ist es eine Delikatesse.
Welches Tier Menschen essen, wird ganz willkürlich festgelegt. Es hängt mit der Kultur der Völker zusammen, mit ihren Traditionen, Essgewohnheiten und Lebensbedingungen.
Ob Rindergulasch, Schweinegulasch oder Pferdegulasch, ob Hühnchenragout, Hummersalat, Rotkehlchen am Spieß – es werden immer Tiere gequält und getötet für diese "Lebensmittel".
Mit moralischen Bedenken kommt man da nicht weiter, und mit Logik auch nicht. Denn über Traditionen, die seit Jahrhunderten kulturell fest verankert sind, kann man kaum streiten. Essgewohnheiten verändern sich erst in vielen Generationen, meist durch äußere wirtschaftliche Zwänge.
Ich gehe mit dem Problem so um, wie mit anderen Absurditäten auch: Ich versuche so ehrlich zu sein wie möglich.
Einsicht Nr. 1: Es gibt keinen besseren oder schlechteren Fleischkonsum, weil es immer ein Individuum ist, das dafür getötet wird. Ob das nun Peterle das Kalb, Felix der Hund, oder Moritz der Buchfink ist - jedes Tier hat nur ein Leben. Und wer Fleisch verzehrt, ist mit dem Tod eines Lebewesens einverstanden. Welcher Gattung dieses Tier angehört, ist völlig unerheblich. Schwein zu essen ist moralisch betrachtet keineswegs etwas anderes als Hund zu essen oder Singvogel.
Einsicht Nr. 2: Emotional und kulturell verankerten Essgewohnheiten ist weder ethisch noch intellektuell beizukommen. Denken wir an das Gänseessen in christlichen Ländern am St. Martinstag. Der Heilige Martin verdankte einer Gänseherde sein Leben. Und nun werden zu seinen "Ehren" seit Jahrhunderten im November Gänse gebraten. Logisch ist das nicht. Es ist Tradition.
Einsicht Nr. 3: Es geht überhaupt nicht um Ernährung. Es geht nicht darum, wer was isst, und der ganze Streit um vegan oder vegetarisch, um Fleisch von Tierwohl-Tieren oder Fleisch aus Massentierhaltung ist ein großes Scheingefecht. Das ethische Thema, um das es hier wirklich geht und um das sich die meisten Menschen drücken, ist die Würde der Tiere.
Schwalbe und Schwein, Pferd und Pute – jedes hat seine eigene Würde. Und ob ich die respektiere, zeigt sich in vielen kleinen Alltagsgewohnheiten. Wie rede ich über Tiere? Wie definiere ich ihren Wert? Wie verhalte ich mich, wenn sie mich so richtig nerven? Essen ist nur ein (wichtiger) Teil dieser Alltagsgewohnheiten. Ich lebe vegan, aber mir ist ein "Würstchenesser", der die Tierwürde in seinem Alltag respektiert, sympathischer als ein hardcore Veganer, der über Tiere redet als wären sie Gegenstände. Wer tierische Produkte ablehnt, macht eine wichtige politische Aussage, die Respekt verdient.
Genauso wie etwa auch Wehrdienstverweigerung eine wichtige gesellschaftliche Position war. Den Krieg konnten Pazifisten jedoch leider nicht abschaffen. Und wer glaubt, dass sein persönlicher Fleischverzicht auch nur einem einzigen Tier das Leben rettet, hat von der Fleischproduktion im kapitalistischen Wirtschaftssystem keine Ahnung.
Aber das ist ein neues Thema…

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