"Stammgast" Tintenfisch…?

Weil Journalisten so viel Macht haben, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, tragen sie eine besondere gesellschaftliche Verantwortung - auch gegenüber den Tieren.   

Eine große deutsche Zeitung veröffentlichte kürzlich im Reiseteil eine Reportage über Portugal, in der das Fangen, Zubereiten und Essen von Tintenfischen eine große Rolle spielt. Verschiedene Rezepte werden ausführlich beschrieben, zum Beispiel: "Der Renner in dieser Saison ist im Ofen gegarter Krake mit Aprikosen und Mandeln". Der Artikel wird illustriert mit dem Farbfoto eines großen (also alten) Tintenfisches mit der Unterschrift: "Nicht sehr schön, aber sehr delikat: Der Krake ist ein Stammgast in Portugals Küche."

Tintenfische sind hochintelligent, lern- und leidensfähig und haben ein komplexes Sozialverhalten Sie lösen schwierige Probleme, benutzen dazu Werkzeuge und können sich mehrere Monate lang an die erarbeitete Lösung erinnern. Sie empfinden Langweile und erfinden Spiele. Vor allem aber ist jeder Einzelne ein Individuum mit unterschiedlichen Persönlichkeits- und Charakter-Eigenschaften. Das alles ist längst erforscht und kann nachgelesen werden.

Und so ein unersetzliches, einmaliges Individuum, das unter großen Schmerzen und Angst gefangen und umgebracht bzw. lebendig in ein Restaurant verkauft wird,

das wird nun von einem Journalisten als "Stammgast in Portugals Küche" bezeichnet. Ignoranz? Das sollte so massiv bei einem Journalisten mit Internetzugang nicht vorkommen. Mangelndes Einfühlungsvermögen? Das ist menschlich und daher verstehbar, auch emotionale Kapazitäten sind begrenzt. Andererseits: Respekt geht doch eigentlich immer… Oder Hohn und Spott? Das wäre unverzeihlich.

Zum Vergleich: in der gleichen Zeitung finden wir in im Feuilleton einen Artikel über die Systemrelevanz von Hunden in der Coronakrise und im Technik-Teil die Beschreibung einer Probefahrt: Mit dem Formentor bricht die heißblütige Tochter von SEAT in ein eigenes Dasein auf.

Muss das wirklich sein? Ermordete Tintenfische werden zu Stammgästen, Hunde sind (im Gegensatz zu andern Tieren) systemrelevant und Maschinen kommen als heißblütige Töchter mit eigenem Dasein daher.

Das ist ein sprachliches Chaos, das den Tieren großes Unrecht antut, und das vermeidbar ist, wenn wir endlich lernen, von den Tieren her zu denken und zu formulieren. Im Hinblick auf Frauen und Mädchen geht es ja auch, langsam und holprig, aber eindeutig in die richtige Richtung.

Wer könnte besser positioniert sein, bei den Tieren den Anfang zu machen als Journalisten?

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