Tierschutz vom Tier her denken

Derzeit wird – soweit das Corona Geschehen dazu noch Raum läßt - in der Öffentlichkeit mehr über Tierschutz diskutiert als in vergangenen Jahren.
Tierwohl, Tierrechte, Tierhaltung beschäftigen viele Bürger und finden Ausdruck in wissenschaftlichen Gutachten, den sozialen Medien und der allgemeinen Berichterstattung.
Wieso kommt davon fast nichts bei den Tieren an?
Das Artensterben geht weiter und hat ein historisches Ausmaß erreicht. Die Zahl der in der Agrarindustrie "genutzten" Tiere steigt von Jahr zu Jahr. Die Zahl der von Umweltkatastrophen und Kriegen betroffenen Tiere wird zwar nicht erfasst, ist aber mit Sicherheit noch viel größer als die Zahl der toten, verletzten, heimatlosen Menschen.
Der Spezies Tier geht es schlecht auf diesem Planeten, obwohl es erhebliche globale Anstrengungen gibt, das zu ändern. Wissenschaftliche Forschung, finanzieller Aufwand, guter Wille, tatkräftiges Engagement – irgendwie läuft das fast alles ins Leere.
Dafür gibt es viele Gründe. Ich möchte hier einen davon näher beleuchten.
Die westliche Welt schafft es nicht, den Tierschutz vom Tier her zu denken. Das hat vor allem mit den jüdisch-christlichen Grundlagen unserer Kultur zu tun, wo der Mensch als von Gott eingesetzter Herrscher über die Schöpfung gesehen wird Es ist der Theologie in 2000 Jahren nicht gelungen, bestimmte biblische Aussagen anders auszulegen als machtorientiert. Wir sind in Bezug auf Tierethik im Mittelalter stehen geblieben. Und als Erben dieser Tradition begegnen wir Tieren (fast) ausschließlich vom unserem – wie wir glauben - überlegenen menschlichen Standpunkt aus.
Die wichtigste Frage im Hinblick auf Tierschutz in der europäischen Landwirtschaft ist:
Welchen Nutzen oder Schaden hat das für die Landwirte?
Ähnlich beim Artenschutz:
Wieviel bringt die Artenvielfalt für eine Biodiversität, ohne die uns Menschen demnächst die Luft ausgehen wird? Beim Schutz für Meeressäuger wird erst mal darüber gestritten, was das für die Fischereirechte bedeutet. Die Liste ist endlos…
Auch unsere Gesetzgebung ist fast immer so verfasst, dass die Interessen von Menschen Priorität haben. Kommt es etwa zum Konflikt zwischen menschlicher Religionsfreiheit und Tierschutz, dann ist die Religionsfreiheit das größere Rechtsgut. Und wer als Amtsveterinär schon einmal eine Bestandsräumung durchsetzen wollte, weiß, wie schwierig es ist, die Mindestinteressen der Tiere vor Gericht zu vertreten.
Tierschutz vom Tier her zu denken scheint der schöne Traum von einer besseren Welt.
Nun haben Träume aber eine eigene, verborgene Dynamik, die sich manchmal ganz unverhofft zeigt. In der englischen Sprache wird häufig nicht von Menschen und Tieren, sondern von "human and non-human animals" geredet, von" menschlichen und nicht-menschlichen Tieren". Das bedeutet, der verbindende Oberbegriff ist animal. Um welche Art von Tier es geht, muss dann näher definiert werden.
Hier kommt die Sprache dem Anliegen, Tierschutz vom Tier her zu denken, ganz nahe. Wir stehen als Bewohner dieser Welt erst mal auf derselben Stufe, nämlich der tierlichen. Und dann erst kommen die Unterschiede, weil verschiedene Spezies verschiedene Bedürfnisse und Fähigkeiten haben.
Wir Menschen sind als Spezies tragisch erfolgreich bis zur Selbstvernichtung. Aber eine menschliche Fähigkeit ist eben auch, dass wir uns in andere hinein versetzen können. Das bedeutet, wir haben die intellektuelle und emotionale Möglichkeit, Tierschutz vom Tier her zu denken und entsprechend zu handeln.
Das können wir üben, jeder einzelne von uns. Und möglicherweise liegt genau darin dann die Rettung für alle.

Dazu mehr im nächsten "Denkanstoß".

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