Hinweise zu Anordnungen nach § 16a TierSchG aus juristischer Sicht unter besonderer Berücksichtigung amtstierärztlicher Gutachten
Ausführungen anl. Der Tagung „Das amtstierärztliche Gutachten nach § 16a Tierschutzgesetz“ am 15. Juni 2019, in: IHK Potsdam, Breite Straße 2a – c, 14467 Potsdam
Übersicht zu den wesentlichen Fragen, die sich stellen, wenn eine Anordnung nach § 16a Abs. 1 S. 1 TierSchG erlassen werden soll:
- Verstoß gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen, der schon begonnen hat und fortdauert? Gefahr eines künftigen Verstoßes? (1)
- Richtiger Adressat der Anordnung? (2)
- „notwendige“ Anordnung? (3)
- Entschließungsermessen? Auswahlermessen?(4)
- Bestimmtheit der Anordnung (5)
- Anhörung (6)
- Anordnung sofortiger Vollziehbarkeit (7)
- Begründung (8)
- Vollstreckung (9)
ZU (1) Verstoß gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen, der schon begonnen hat und fortdauert? Gefahr eines künftigen Verstoßes?
Wann ist eine Anordnung „zur Verhütung künftiger Verstöße notwendig“?
Immer wieder zu hörende Formel:
„Besteht die konkrete Gefahr, dass es zu einem tierschutzwidrigen Verhalten oder Vorgang kommen wird, weil eine Sachlage oder ein Verhalten bei ungehindertem Ablauf des objektiv zu erwartenden Geschehens mit Wahrscheinlichkeit zu einem tierschutzrechtlichen Verstoß führen wird, so ist die Behörde zu den notwendigen Anordnungen ermächtigt (vgl. VGH Mannheim, B. v. 9. 8. 2012, 1 S 1281/12, juris Rn. 5; VG Regensburg, GB v. 8. 3. 2017, RN 4 K 16.769, juris Rn. 17; VG Mainz, B. v. 13. 6. 2016, 1 L 187/16.MZ, juris Rn. 13).
Dabei gilt der elastische Gefahrbegriff des Polizei- und Ordnungsrechts, d. h.:
An die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts sind umso geringere Anforderungen zu stellen, je größer und schwerer der möglicherweise eintretende Schaden wiegt (vgl. Bundesverwaltungsgericht <BVerwG>, Neue Juristische Wochenschrift <NJW> 1974, 815); Schaden in diesem Sinne ist die Verletzung tierschutzrechtlicher Normen.
Haben sich im Verantwortungsbereich einer Person bereits gleichartige oder ähnliche Verstöße ereignet, so kann mangels gegenteiliger Anhaltspunkte von einer Wiederholungsgefahr ausgegangen werden.
Abgrenzungen:
- § 16a ermächtigt nicht zu tierschutzrechtlichen Anordnungen der Gefahrenvorsorge oder zu Gefahrerforschungsmaßnahmen im Vorfeld konkreter tierschutzrechtlicher Gefahren. Besteht also noch keine Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem tierschutzrechtlichen Verstoß kommen wird, sondern nur eine mehr oder minder entfernte Möglichkeit, so ist nach § 16 Abs. 2 und 3 (i. V. m. § 16a Abs. 1 S. 1) vorzugehen, denn die dortigen Befugnisse setzen (abgesehen von Abs. 3 Nr. 2) noch keine Gefahr im Sinne des Gefahrenabwehrrechts voraus (vgl. VGH Mannheim Beschl. v. 9.8.2012, 1 S 1281/12, juris-Rn. 4; mit dem Vorgehen nach § 16 Abs. 2 und 3 sind Auskunftsverlangen, behördliche Nachschauen und Durchsuchungen gemeint, also Maßnahmen die der Aufklärung dienen, ob ein tierschutzwidriger zustand bereits eingetreten ist bzw. eine entsprechende Gefahr droht).
ZU (2) Richtiger Adressat oder Anordnung?
- Die Behörde erlässt daher normalerweise ihre Anordnung gegenüber demjenigen, der durch sein Handeln (auch: pflichtwidriges Unterlassen) für den tierschutzwidrigen Vorgang oder Zustand ursächlich geworden ist bzw. zu werden droht (Verhaltensstörer; vgl. OVG Bremen Beschl. v. 29. 10. 2018, 1 B 230/18, juris Rn. 6).
- Bei Verstößen gegen § 2 wendet sie sich an den Halter, Betreuer und/oder Betreuungspflichtigen.
- In Betracht kommt auch die Inanspruchnahme einer Person als Zustandsstörer, z. B. als Besitzer oder Eigentümer der Räumlichkeiten, in denen der Vorgang stattfindet, oder das gefährdete Tier sich befindet (vgl. VG Arnsberg Beschl. v. 20.11.2007, 14 L 749/07: Verantwortlichkeit eines Hofbetreibers für sämtliche auf dem Hof lebenden Katzen, wenn sich dort hofzugehörige, benachbarte und verwilderte Katzen mangels Kastration der Tiere unkontrolliert vermehrt haben, so dass eine Zuordnung der Tiere zu den verschiedenen Gruppen nicht mehr getroffen werden kann).
- Es ist sogar möglich, unbeteiligte Personen als sog. Notstandspflichtige ausnahmsweise in Anspruch zu nehmen; dies geschieht dann, wenn bei einer unmittelbar bevorstehenden oder schon eingetretenen, fortdauernden Störung die rechtzeitige Inanspruchnahme des Verhaltens- oder Zustandsstörers nicht möglich ist und die eigenen Mittel der Behörde nicht ausreichen (vgl. zB Art. 9 Abs. 3 LStVG Bayern; § 9 PolG BW; § 9 HSOG).
- Unter mehreren Verhaltens- und Zustandsstörern besteht Auswahlermessen. Die Behörde soll denjenigen in Anspruch nehmen, der die Gefahr bzw. Störung am schnellsten, wirksamsten und mit dem geringsten Aufwand, also am effektivsten beseitigen kann (vgl. VG Würzburg, Urt. v. 21. 7. 2016, W 5 K 14.1123, juris Rn. 56).
- Lässt sich nach diesen Kriterien keine Auswahl treffen, hält man sich an den Verhaltensstörer.
- Auch gegen tierschutzwidrige Vorgänge, die im Ausland stattzufinden drohen, kann eingeschritten werden, sofern ein Tun oder garantiepflichtwidriges Unterlassen im Inland für diese Gefahr ursächlich wird (wichtig z. B. für Tiertransporte: Einschreiten gegen den Versender, Spediteur usw., wenn diese durch ihr Verhalten im Inland eine nicht hinwegdenkbare Ursache dafür setzen, dass es nach Überschreitung der Grenze zu tierschutzwidrigen Zuständen kommt; vgl. dazu Kluge in: Kluge Hrsg., Kommentar zum TierSchG 2002, § 16a Rn. 14).
ZU (3) „notwendige“ Anordnung?
Wann ist eine Anordnung „notwendig“ i. S. v- § 16a Abs. 1 S. 1 TierSchG?
- „notwendig“ sind Anordnungen, wenn sie dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen.
- Sie müssen also geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinne sein (vgl. z. B. § 5 PolG BW, § 4 HSOG).
- „Geeignet“ bedeutet, dass die angeordnete Maßnahme zweckgerecht sein muss.
- „Erforderlich“ bedeutet, dass von mehreren Maßnahmen, die die Beendigung bzw. Verhütung des Verstoßes mit gleicher Sicherheit erwarten lassen, diejenige zu wählen ist, die den Einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten belastet; es darf also kein milderes Mittel in Betracht kommen.
- „Verhältnismäßig im engeren Sinne“ meint die Relation zwischen Nutzen und Schaden: Unverhältnismäßigkeit liegt vor, wenn der Nachteil, den die Anordnung dem Betroffenen auferlegt, schwerer wiegt als der Verstoß, der damit beendet bzw. verhindert werden soll (Abwägung der betroffenen Rechtsgüter; vgl. VG Würzburg, Urt. v. 3. 3. 2016, W 5 K 15.613, juris Rn. 32); im Rahmen der Verhältnismäßigkeit sind auch die Grundrechte zu prüfen (z. B. wenn die Maßnahme in Art. 2, 12 oder 14 GG eingreift).
- Abgesehen davon, dass die Anordnungen notwendig (i. S. der o. e. drei Elemente des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit) sein müssen, nimmt das TierSchG grds. keine Begrenzung der zulässigen Maßnahmen vor (vgl. VGH Mannheim, B. v. 9. 8. 2012, 1 S 1282/12, juris Rn. 5; VG Freiburg, B. v. 8. 5. 2017, 6 K 1428/17, juris Rn. 21).
Einschub: im Verwaltungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz, d. h.:
- Die Behörde klärt den Sachverhalt gem. § 24 Abs. 1 S. 1 VwVfG von Amts auf.
- Im Rahmen dieser Aufklärungspflicht muss sie die entscheidungserheblichen Tatsachen unabhängig vom Vortrag der Verfahrensbeteiligten ermitteln und alle Möglichkeiten zur Aufklärung des maßgeblichen Sachverhalts ausschöpfen.
- Dabei ist sie weder an das Vorbringen der Beteiligten noch an deren Beweisanträge gebunden.
- Nach § 24 Abs. 2 VwVfG hat sie alle für den Einzelfall bedeutsamen Umstände, die ihr bekannt sind oder die sie mit zumutbarem Aufwand ermitteln kann, bei ihrer Entscheidung zu berücksichtigen.
- Zur Verwendung von Erkenntnissen und Beweismitteln aus einem staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren, selbst wenn dieses nicht oder noch nicht zu einer strafrechtlichen Verurteilung geführt hat, vgl. VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 51: „Auch sofern das strafrechtliche Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, widerspricht die Verwertung der staatsanwaltlichen Ermittlungen im behördlichen und gerichtlichen Verfahren nicht dem Gebot der Unschuldsvermutung (Art. 6 Abs. 2 EMRK und Art. 20 Abs. 3 GG). Denn den Verwaltungsbehörden und Verwaltungsgerichten ist es nicht verwehrt, die im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gewonnenen Erkenntnisse und Beweismittel zu verwerten und einer eigenständigen Überprüfung im behördlichen bzw. gerichtlichen Verfahren zu unterziehen (BVerfG, B. v. 16. 1. 1991, 1 BvR 1326/90, juris Rn. 21).“
ZU (4) Entschließungsermessen? Auswahlermessen?
Entschließungsermessen; Auswahlermessen
In Rechtsprechung und Literatur setzt sich zunehmend die Auffassung durch, dass § 16a Abs. 1 S. 1 der Behörde zwar in der Regel ein Auswahlermessen einräumt, aber kein Entschließungsermessen, d. h.: die Behörde muss zur Beseitigung festgestellter und zur Verhütung künftiger Verstöße tätig werden und kann nicht über das „Ob“ sondern nur über das „Wie“ ihres Tätigwerdens entscheiden.
Rechtsprechung dazu: VGH München, B. v. 8. 11. 2016, 20 CS 16.1193: bei Vorliegen eines festgestellten Verstoßes bzw. bei absehbaren künftigen Verstößen besteht eine Pflicht zum Tätigwerden, besteht also kein Entschließungsermessen sondern allein ein Auswahlermessen; VG Schleswig Urt. v. 2. 7. 2018, 1 A 58/16, juris Rn. 49: „kein Entschließungsermessen, bei der Feststellung von Verstößen muss die Behörde somit einschreiten“; VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 118: „Bei der Feststellung von tierschutzrechtlichen Verstößen hat die zuständige Behörde in der Regel ohnehin kein sog. Entschließungsermessen. Sie muss zur Beseitigung festgestellter und zur Verhütung künftiger Verstöße tätig werden und kann nicht über das „Ob“, sondern nur über das „Wie“ ihres Tätigwerdens entscheiden“; VG Gelsenkirchen, B. v. 4. 2. 2016, 16 L 221/16, juris Rn.14; VG Berlin B. v. 19.2.2013, 24 L 25.13, juris-Rn. 18: „Hinsichtlich der nach § 16a S. 1 [aF] zu treffenden Anordnungen hat die Behörde kein sog. Entschließungsermessen, sondern ist verpflichtet, gegen bereits vorliegende oder zu erwartende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz einzuschreiten“; ebenso VG Saarlouis Urt. v. 24.2.2010, 5 K 531/09, juris-Rn. 59: „Die Regelung begründet … die Verpflichtung zum Einschreiten gegen bereits eingetretene oder zu erwartende Verstöße“; VG Regensburg, B. v. 20.8.2010, RN 4 S 10.970, juris-Rn. 52; Urt. v. 2.12.2003, RN 11 S 03.2415: „§ 16a S. 1 [aF] verpflichtet die Behörde dazu, die zur Beseitigung festgestellter Verstöße und zur Verhütung künftiger Verstöße notwendigen Anordnungen zu treffen. Ein Ermessen besteht dabei nicht. Der Wortlaut des Gesetzes ist eindeutig“.
Das Auswahlermessen, das das „Wie“ des Einschreitens, also die Wahl des Handlungsmittels betrifft, wird durch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit geleitet und beschränkt.
In der Begründung ihrer Anordnung muss die Behörde u. a. zum Ausdruck bringen, dass sie ihren Ermessensspielraum erkannt und genutzt hat. Deshalb ist darzulegen, welches die Gründe für die Wahl der ergriffenen Maßnahme(n) waren. Es darf nicht erkennbar werden, dass sie dabei von falschen oder unvollständig ermittelten Tatsachen ausgegangen ist oder Erwägungen, die dem Gesetzeszweck widersprechen, angestellt hat. Auch sollte deutlich gemacht werden, dass sie sich mit möglichen anderen, weniger belastenden Handlungsalternativen auseinandergesetzt und diese mit zutreffender Begründung, z. B. wegen nicht ausreichender Effektivität, abgelehnt hat. Sie muss auch das Ausmaß der wirtschaftlichen und sonstigen Belastung, die von ihrer Anordnung für den Adressaten ausgeht, zutreffend eingeschätzt haben, ebenso die Schwere des Verstoßes und die möglichen Nachteile, um deren Abwendung es geht und die bei einem Untätigbleiben oder bei einer Beschränkung auf weniger effektive Handlungsalternativen gedroht hätten.
Vgl. dazu VG Schleswig, B. v. 30. 6. 2017, 1 B 45/17, juris Rn. 22, und B. v. 20. 4. 2017, 1 B 9/17, juris Rn. 23: „Notwendige Anordnungen … sind diejenigen, die dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen, d. h. sie müssen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig i. e. S. sein. ‚Geeignet‘ bedeutet, dass die Maßnahme zweckgerecht sein muss. ‚Erforderlich‘ bedeutet, dass von mehreren Maßnahmen, die die Beendigung bzw. Verhütung des Verstoßes mit gleicher Sicherheit erwarten lassen, diejenige zu wählen ist, die den einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten belastet; es darf kein milderes Mittel in Betracht kommen. „Verhältnismäßigkeit i. e. S. meint die Relation zwischen Nutzen und Schaden: Unverhältnismäßigkeit liegt vor, wenn der Nachteil, den die Anordnung dem Betroffenen auferlegt, schwerer wiegt als der Verstoß, der damit beendet bzw. verhindert werden soll (Abwägung der betroffenen Rechtsgüter).“
Eine grds. richtige Ermessensausübung liegt vor, wenn die Behörde dem Tierschutz gegenüber den persönlichen Interessen (z. B. Finanzen) des Halters Vorrang einräumt (vgl. VG Stuttgart in: Recht der Landwirtschaft <RdL> 1998, 110).
ZU (5) Bestimmtheit der Anordnung
Die Anordnung muss inhaltlich hinreichend bestimmt sein (§ 37 Abs. 1 VwVfG).
- Der Regelungsgehalt eines Verwaltungsakts ist entsprechend §§ 133, 157 BGB durch Auslegung zu ermitteln. Dabei ist der erklärte Wille maßgebend, wie ihn der Empfänger bei objektiver Würdigung verstehen konnte. Bei der Ermittlung dieses objektiven Erklärungswertes sind alle dem Empfänger bekannten oder erkennbaren Umstände heranzuziehen, insbesondere auch die Begründung des Verwaltungsaktes (OVG Lüneburg, B. v. 29. 11. 2017, 11 ME 268/17, im Anschluss an BVerwG, Urt. v. 16. 10. 2013, 8 C 21.12; VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 31: „Die Begründung bestimmt damit den Inhalt der getroffenen Regelung mit, sodass sie in aller Regel unverzichtbares Auslegungskriterium ist“).
- Der Adressat der Anordnung soll aus dem Anordnungssatz, jedenfalls aber aus der Begründung der Anordnung ersehen können, was er tun soll oder nicht tun darf (vgl. VGH München RdL 1978, 82, 83; VG Regensburg Urt. v. 1.7.2014, RN 4 K 14.85: Es genügt, dass aus dem gesamten Inhalt des VA und aus dem Zusammenhang, vor allem aus der Begründung, aus den den Beteiligten bekannten näheren Umständen des Erlasses, den dem Erlass vorausgegangenen Anträgen usw. „im Wege einer an den Grundsätzen von Treu und Glauben orientierten Auslegung hinreichend Klarheit gewonnen werden kann“; VG Stuttgart NuR 1999, 232, 233: Konkretisierung in der Begründung ausreichend; VG Würzburg, Urt. v. 3. 3. 2016, W 5 K 15.613, juris Rn. 35:“ Zur Auslegung eines Verwaltungsakts sind neben dem Anordnungssatz und der Begründung auch die dem Adressaten bekannten Begleitumstände heranziehen, etwa wenn dem Halter aufgrund vorangegangener Beanstandungen klar sein musste, welche Zustände damit vermieden werden sollten“; ebenso Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 24: „ … einschl. etwaiger Hinweise bei vorangegangenen Kontrollen“).
- Grundsätzlich reicht es aus, wenn der VA den zu erreichenden bzw. zu vermeidenden Erfolg oder Zustand hinreichend bestimmt bezeichnet und das Mittel dafür dem Adressaten überlässt; dies genügt jedenfalls bei Verboten (vgl. BGHZ 129, 40 = NJW 1995, 1894; BVerwGE 84, 338, 339). Wird aber ein Erfolg verlangt, zu dessen Herbeiführung es sehr unterschiedliche Wege gibt, so kann es erforderlich sein, auch hinreichend bestimmt aufzuzeigen, welche der in Betracht kommenden Maßnahmen erwartet wird (vgl. VGH München RdL 1978, 82, 83). Andererseits muss dem Adressaten aber eine Auswahlmöglichkeit belassen werden, wenn es verschiedene gleichwertige Wege zur Herstellung eines tierschutzkonformen Zustandes gibt (vgl. VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 34: „ … kann es auch der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gebieten, dass die Behörde dem Betroffenen bei der Auswahl des Mittels Entscheidungsfreiheit lässt“).
- Als zu unbestimmt angesehen wurde eine Anordnung, die dem Halter lediglich aufgibt, seine Rinder beim Auftreten von Fellveränderungen tierärztlich untersuchen zu lassen, ohne diejenigen Fellveränderungen, die eine Zuziehung des Tierarztes erforderlich machen, näher zu beschreiben (vgl. VG Darmstadt, 15.1.2004, 3 G 2177/03).
- Eine Anordnung, wonach ein Pferdehalter die Unterstände in den Ausläufen, die Laufställe sowie sämtliche Boxen „ständig trocken halten und ausreichend einstreuen“, die Fütterungs- und Aufenthaltsbereiche der Ausläufe „als morastfreie Fläche gestalten“ sowie für „hygienische Futtervorrichtungen sorgen“ solle, ist als hinreichend bestimmt und vollziehbar angesehen worden, jedenfalls wenn dem Halter aufgrund vorangegangener Beanstandungen klar sein musste, welche Zustände damit vermieden werden sollen; denn zur Auslegung eines Verwaltungsakts sind neben dem Anordnungssatz und der Begründung auch die dem Adressaten bekannten Begleitumstände heranzuziehen (VGH München B. v. 4.9.2007, 25 CS 07.1908, juris-Rn. 5; vgl. auch VG Würzburg Beschl. v. 17.9.2010, W 5 S 10.935, juris-Rn. 31 für vorangegangene mündliche Beanstandungen).
- Weitere Beispiele aus der Rechtsprechung:
- Die Anordnung, die gehaltenen Rinder zweimal jährlich (Frühjahr und Herbst) gegen Parasiten behandeln zu lassen, ist in zeitlicher Hinsicht ausreichend bestimmt; gleiches gilt für die Anordnung, bei den Rindern zweimal jährlich Sammelkotproben zu nehmen und auf Parasiten untersuchen zu lassen (OVG Lüneburg, B. v. 29. 11. 2017, 11 ME 268/17).
- Die Anordnung, Rinder nicht „in dunklen Ställen bzw. an dunklen Standorten“ zu halten, ist als nicht hinreichend bestimmt eingestuft worden (VG Oldenburg Urt. v. 13.2.2013, 11 A 4220/12, juris-Rn. 22).
- Die Anordnung, Pferden „ausreichend Auslauf“ zu gewähren, ist ausreichend bestimmt, wenn in der Begründung darauf hingewiesen wird, dass die Auslauffläche für bis zu zwei Pferde mehr als 150 m² betragen muss (VGH München B. v. 23.10.2012, 9 ZB 11.1796, juris-Rn. 4).
- Die Anordnung, Schafen und Ziegen bei „dauernder Haltung im Freien“ einen Witterungsschutz und trockenen Liegeplatz zur Verfügung zu stellen, ist jedenfalls dann zu unbestimmt, wenn auch bei Heranziehung der Begründung offen bleibt, wann von einer dauernden Haltung im Freien auszugehen ist (vgl. VG Regensburg Urt. v. 1.7.2014, RN 4 K 14.85: Tag und Nacht? ganzjährig? von Mai-November?
- Die Anordnung, einen bestimmten Zustand, z. B. Entmistung und Säuberung des Stalles „umgehend“ herbeizuführen, ist zwar für den Grundverwaltungsakt ausreichend bestimmt, reicht aber für eine Zwangsgeldandrohung nicht aus, weil bei Androhung oder Festsetzung eines Zwangsgeldes eine kalendermäßig bestimmte Frist angegeben werden muss (VG Würzburg, Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 35).
- Gesetzeswiederholende Verfügungen, die eine schon durch das Gesetz normierte Pflicht wiederholen, sind zwar zulässig, müssen aber das Verlangte – d. h. den herbeizuführenden Erfolg oder Zustand – hinreichend bestimmt bezeichnen. Vorteile dieses Vorgehens: Die mittels Verwaltungsakt ausgesprochene Pflicht kann anschließend mit Verwaltungszwang durchgesetzt werden, und nach Eintritt der Bestandskraft ist dem Adressaten der Einwand, er sei dazu nicht verpflichtet, abgeschnitten.
- Fall, beschrieben von einer Verwaltungsrichterin, Aktenzeichen nicht bekannt: Anordnung „die Kontrolle Ihrer Pferdehaltung und die Einsicht in die Equidenpässe zu dulden“. Anordnung zwar rechtmäßig, aber nicht durch Festsetzung eines Zwangsgeldes vollstreckbar, weil es dazu hätte heißen müssen: „Ihnen wird aufgegeben, zu allen Pferden die Equidenpässe vorzulegen.
ZU (6) Anhörung (§ 28 Abs. 1 – 3 VwVfG)
Grundsätzlich ist der Adressat nach § 28 Abs. 1 – 3 VwVfG vorher – und sei es auch nur mündlich oder telefonisch – anzuhören; dabei müssen ihm die entscheidungserheblichen Tatsachen, soweit er sie nicht schon kennt, und die Ergebnisse einer etwaigen Beweisaufnahme mitgeteilt werden, und er muss Gelegenheit haben, dazu Stellung zu nehmen. Sofern die Anhörung mündlich oder telefonisch erfolgt, ist anzuraten, darüber einen schriftlichen Vermerk anzufertigen, um im Falle eines späteren Klageverfahrens den Nachweis führen zu können.
Bei Gefahr im Verzug oder wenn ein zwingendes öffentliches Interesse entgegensteht (z. B. weil es den Zweck der Maßnahme bei vorheriger Anhörung vermutlich vereiteln würde; weitere Ausnahmen sind in § 28 Abs. 2 VwVfG geregelt) kann man aber davon absehen und die Anhörung im Widerspruchs- bzw. Klageverfahren nachholen.
Die mangelnde Gewährung rechtlichen Gehörs kann gemäß § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG bis zum Abschluss der letzten Tatsacheninstanz des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens geheilt werden, wenn die Behörde in der Begründung ihres Bescheids die für sie maßgeblichen Tatsachen und Beweisergebnisse und ihre Ermessenserwägungen mitteilt, so dass der Betroffene Gelegenheit hat, dazu Stellung zu nehmen, und wenn sie die daraufhin erhobenen Einwendungen ernsthaft in Erwägung zieht, z. B. im Nichtabhilfebescheid, im Widerspruchsbescheid, in der Klageerwiderung oder in der Erwiderung auf einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO (vgl. dazu VG Gießen, B. v. 15. 5. 2017, 4 L 1290/17.GI, juris Rn. 49: „Sollte eine ordnungsgemäße Anhörung des Antragstellers nicht erfolgt sein, so ist der VA zum Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung nicht mehr fehlerhaft. Der Antragsgegner hat nämlich die im Widerspruch wie im gerichtlichen Antrag angeführten Einwendungen des Antragstellers zu der Anordnung - zumindest im laufenden gerichtlichen Verfahren - zur Kenntnis genommen und darauf geantwortet, so dass eine Heilung des Verfahrensfehlers gem. § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG erfolgt ist“).
ZU (7) Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit
Die Anordnung der sofortigen Vollziehung oder Vollziehbarkeit kann nach § 80 Abs. 2 S. 1 Nr. 4, Abs. 3 Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) ergehen.
- Die Gefahr, dass ohne ein sofortiges Handeln anhaltende (nicht notwendig: erhebliche) Schmerzen, Leiden oder Schäden fortdauern, begründet in der Regel das notwendige besondere öffentliche Vollzugsinteresse;
- ebenso die Gefahr, dass ein bereits eingetretener Missstand, z. B. ein Verstoß gegen § 2, sonst bis zum Eintritt der Bestandskraft weiter fortdauert (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 232, 233; 235, 236).
- Erst recht gilt dies, wenn mit weiteren Verstößen noch vor Eintritt der Bestandskraft gerechnet werden muss (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 718, 720; vgl. auch VG Gießen NuR 2003, 506, 507 unter Hinweis auf „die Inkorporation des Tierschutzes in Art. 20a GG“, die das öffentliche Interesse, Missstände nicht fortdauern bzw. Verstöße nicht eintreten zu lassen, untermauere).
- Verfügungen, die die gesetzlichen Duldungs- und Mitwirkungspflichten nach § 16 Abs. 3 konkretisieren, können in der Regel für sofort vollziehbar erklärt werden, weil Kontrollen ihren Zweck häufig nur erfüllen, wenn sie den Tierhalter unvorbereitet treffen (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 718, 720).
ZU (8) Begründung
8a. Die Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit
- Die Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit muss ausdrücklich ausgesprochen und gemäß § 80 Abs. 3 S. 1 VwGO grds. schriftlich begründet werden.
- Allgemeine Anforderungen an diese Begründung:
- Sie darf nicht lediglich formelhaft sein, sondern muss auf den konkreten Einzelfall eingehen (VG Bremen, B. v. 22. 2. 2016, 5 V 2463/15, juris Rn. 12).
- Sie muss ergeben, dass an der sofortigen Vollziehung ein besonderes öffentliches Interesse besteht, das über dasjenige Interesse hinausgeht, welches den Verwaltungsakt selbst rechtfertigt, und dass dieses Interesse hinter das das Interesse des Betroffenen, zunächst nicht von den Wirkungen des angegriffenen Verwaltungsaktes betroffen zu werden, zurückzutreten hat (vgl. Kopp/Schenke VwGO 22. Aufl. 2016, § 80 Tn. 85).
- In der Begründung muss auf die Umstände des konkreten Falles eingegangen werden (vgl. VGH München, B. v. 25. 5. 2016, 20 CS 16.517, juris Rn. 15: Begründung muss auf den konkreten Einzelfall abstellen und darf sich nicht mit formelhaften Erwägungen begnügen. Es muss dargelegt werden, dass ein weiterer Aufschub im Falle der Einlegung eines Rechtsbehelfs aufgrund der festgestellten oder unmittelbar drohenden Verstöße nicht vertretbar wäre, dass das öffentliche Interesse an der Beendigung oder Vermeidung tierschutzwidriger Handlungen oder Zustände vorrangig gegenüber dem gegenläufigen Individualinteresse des Adressaten der Anordnung ist, oder dass aus generalpräventiven Gründen sofort wirkende Maßnahmen nötig sind uÄ)
- An dieses besondere öffentliche Interesse sind umso strengere Anforderungen zu stellen, je schwerwiegender die dem Bürger durch den Verwaltungsakt auferlegte Belastung ist und je mehr die Maßnahme der Verwaltung Unabänderliches bewirkt (VG Gießen, B. v. 23. 4. 2018, 4 L 1056/18.GI, juris Rn. 35 im Anschluss an BVerfG, B. v. 18. 7. 1973, 1 BvR 23/73, BVerfGE 35, 382).
- Deshalb reicht i. d. R. eine Bezugnahme auf die Begründung des VA nicht aus, vielmehr müssen die o. e. Gefahren, die den Sofortvollzug begründen sollen, angegeben werden. Dabei ist auf die Umstände des Einzelfalles einzugehen (vgl. VGH München, B. v. 8. 11. 2016, 20 CS 16.1193, juris Rn. 20: Begründung nicht ausreichend, wenn sie keinen Bezug zum konkreten Sachverhalt und keine auf den Einzelfall abstellende Aussage enthält).
- Es gibt aber in der Rechtsprechung auch Fälle, wo die Gründe, die für den Verwaltungsakt angegeben worden sind, auch als ausreichend zur Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit angesehen worden sind:
- VGH München, B. v. 31. 1. 2017, 9 CS 16.2021, Orientierungssatz 1: „Das besondere Vollzugsinteresse für die Anordnung des Sofortvollzugs einer tierschutzrechtlichen Anordnung ergibt sich jedenfalls in Fällen einer konkreten Gefährdung der Tiere regelmäßig aus der Grundverfügung;
- Ebenso VG Schleswig, B. v. 8. 6. 2017, 1 B 24/17, juris Rn. 6: Begründung ausreichend, wenn darin die besondere Dringlichkeit der angeordneten Maßnahmen zur Vermeidung von Schmerzen, Leiden und Schäden während der Dauer eines Rechtsbehelfsverfahrens deutlich zum Ausdruck kommt;
- VG Schleswig, B. v. 8. 5. 2017, 1 B 53/17, juris Rn. 9: „An der Verhinderung vermeidbarer Leiden der geschützten Tiere besteht ein besonderes öffentliches Interesse, das über das allgemeine öffentliche Interesse an der Durchsetzung tierschutzrechtlicher Verfügungen hinausgeht“;
- VG Münster, B. v. 12. 4. 2018, 1 L 2222/17, juris Rn. 4: Begründung ausreichend, wenn sie „auf die spezifischen Gefahren für den Tierschutz abstellt, die hier aus einem weiteren Abwarten bis zur Bestandskraft des Bescheides resultieren“;
- VG Freiburg, B. v. 8. 5. 2017, 6 K 1428/17, juris Rn. 16: Dient der zu vollziehende VA der Abwehr einer konkreten Gefährdung von Tieren, z. B. weil die Annahme gerechtfertigt ist, der Betroffene werde weiterhin Zuwiderhandlungen gegen das TierSchG begehen, ist der Verweis auf diese Gefährdung auch ausreichend als Begründung nach § 80 Abs. 3 S. 1 VwGO.
- VG München, B. v. 15. 11. 2016, M 23 S 16.3863, juris Rn. 29: grds. ausreichend, wenn unter Angabe der besonderen, auf den konkreten Fall bezogenen Gründe darauf verwiesen wird, dass zum Schutz der betroffenen Tiere eine artgerechte Haltung möglichst umgehend sicherzustellen sei.
- Bei Gefahr im Verzug ist nach § 80 Abs. 3 S. 2 VwGO die Anordnung auch mündlich unter der Bezeichnung als Notstandsmaßnahme möglich (Achtung! § 80 Abs. 3 S. 2 entbindet nur von der Notwendigkeit der schriftlichen Begründung; eine mündliche Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit nebst mündlicher Begründung als Notstandsmaßnahme bleiben erforderlich, vgl. OVG Münster RdL 1980, 49, 50).
- Nach § 37 Abs. 2 S. 2 VwVfG ist ein mündlich ergangener VA schriftlich zu bestätigen, wenn hieran ein berechtigtes Interesse besteht und der Betroffene dies unverzüglich verlangt; auch ohne diese Voraussetzungen kann die Behörde eine solche Bestätigung vornehmen. Es ist dann darauf zu achten, die mündlich ausgesprochene Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit nebst Begründung in diese Bestätigung aufzunehmen.
8b. Begründung des Verwaltungsaktes
Die Begründung, die einem schriftlichen oder schriftlich bestätigten Verwaltungsakt grds. beizufügen ist (Ausnahmen sind geregelt in § 39 Abs. 2 VwVfG), enthält die Tatsachen und die rechtlichen und fachlichen Erwägungen sowie die Ermessenserwägungen, die für das Einschreiten maßgebend sind.
Zur Darstellung der Verhältnismäßigkeit ist es sinnvoll, sich auch mit weniger einschneidenden Maßnahmen auseinander zu setzen und zu begründen, weshalb diese nicht ausgereicht hätten.
Bei besonders einschneidenden Anordnungen wie Fortnahmen, Haltungsuntersagungen u. Ä. kann es hilfreich sein, wenn man auf früher erlassene, weniger einschneidende Maßnahmen hinweisen und deren Erfolglosigkeit darstellen sowie den Zustand der vorgefundenen Tiere mit Fotos bzw. Filmaufnahmen und zeitnah erstellten Protokollvermerken, Untersuchungsberichten und Gutachten belegen kann.
Zur gesonderten Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit s. o. Folie 12.
ZU (9) Vollstreckung
Die Vollstreckung erfolgt nach dem Landesverwaltungsvollstreckungsgesetz.
Ist der Verantwortliche abwesend und nicht rechtzeitig erreichbar, so kommt nach dem jeweiligen Landesrecht (vgl. z. B. § 8 PolGBW, § 8 HSOG) auch die unmittelbare Ausführung in Betracht (Beispiele nach Ludwig AtD 2013, 111, 112: unverzügliches Tränken durstiger Tiere; Rettung eines Hundes aus dem heißen Pkw).
Wird für den Fall der Nichtvornahme einer unvertretbaren Handlung ein Zwangsgeld angedroht, so muss zur Erfüllung der Verpflichtung vorher oder gleichzeitig eine kalendermäßige Frist bestimmt werden (vgl. VG Würzburg, Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 34, 35: Zwangsgeldandrohung für den Fall des Verstoßes gegen die Anordnung, „umgehend“ oder „unverzüglich“ etwas zu tun, rechtswidrig, denn die Frist, für deren fruchtlosen Ablauf das Zwangsgeld angedroht wird, muss kalendermäßig bestimmt sein).
Die Zwangsgeldandrohung ist dann ausreichend bestimmt, wenn erkennbar ist, „für den Verstoß gegen welche Handlungs-, Duldungs- oder Unterlassungspflicht ein Zwangsgeld in welcher Höhe angedroht wird“ (VGH Mannheim, Urt. v. 17. 8. 1995, 5 S 71.95) bzw. „für welchen Fall der Nichterfüllung einer Anordnung aus dem streitgegenständlichen Bescheid ein Zwangsgeld in welcher Höhe droht“ (VG Augsburg, B. v. 10. 6. 2008, Au 5 S 08.519).
Ist für den Fall, dass eine Anordnung nicht, nicht vollständig, nicht richtig oder nicht fristgerecht befolgt wird, ein Zwangsgeld angedroht und wegen eines Verstoßes später festgesetzt worden, so kann für den Fall eines erneuten Verstoßes auch ein deutlich höheres Zwangsgeld angedroht werden (vgl. OVG Lüneburg, Urt. v. 23. 2. 2017, 11 LB 96/16 juris Rn. 44).
Wird hins. einer vertretbaren Handlung die Ersatzvornahme angedroht, so muss auch mit ausreichender Bestimmtheit angegeben werden, unter welchen Voraussetzungen diese stattfinden wird (vgl. VG München, Urt. v. 22. 7. 2015, M 23 K 15.1397, juris Rn. 38: Verstoß gegen § 37 Abs. 1 VwVfG, wenn hins. einer Anordnung, die ausreichende Futter- und Wasserversorgung der Tiere sicherzustellen, Ersatzvornahme für den Fall „dass seitens des Veterinäramts weiterhin Zweifel an der ausreichenden Grundversorgung der Tiere mit Heu bestehen“ angedroht wird).
Übersicht zu den wesentlichen Fragen, die sich stellen, wenn eine Anordnung nach § 16a Abs. 1 S. 1 TierSchG erlassen werden soll:
- Verstoß gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen, der schon begonnen hat und fortdauert? Gefahr eines künftigen Verstoßes? (1)
- Richtiger Adressat der Anordnung? (2)
- „notwendige“ Anordnung? (3)
- Entschließungsermessen? Auswahlermessen?(4)
- Bestimmtheit der Anordnung (5)
- Anhörung (6)
- Anordnung sofortiger Vollziehbarkeit (7)
- Begründung (8)
- Vollstreckung (9)
ZU (1) Verstoß gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen, der schon begonnen hat und fortdauert? Gefahr eines künftigen Verstoßes?
Wann ist eine Anordnung „zur Verhütung künftiger Verstöße notwendig“?
Immer wieder zu hörende Formel:
„Besteht die konkrete Gefahr, dass es zu einem tierschutzwidrigen Verhalten oder Vorgang kommen wird, weil eine Sachlage oder ein Verhalten bei ungehindertem Ablauf des objektiv zu erwartenden Geschehens mit Wahrscheinlichkeit zu einem tierschutzrechtlichen Verstoß führen wird, so ist die Behörde zu den notwendigen Anordnungen ermächtigt (vgl. VGH Mannheim, B. v. 9. 8. 2012, 1 S 1281/12, juris Rn. 5; VG Regensburg, GB v. 8. 3. 2017, RN 4 K 16.769, juris Rn. 17; VG Mainz, B. v. 13. 6. 2016, 1 L 187/16.MZ, juris Rn. 13).
Dabei gilt der elastische Gefahrbegriff des Polizei- und Ordnungsrechts, d. h.:
An die Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts sind umso geringere Anforderungen zu stellen, je größer und schwerer der möglicherweise eintretende Schaden wiegt (vgl. Bundesverwaltungsgericht <BVerwG>, Neue Juristische Wochenschrift <NJW> 1974, 815); Schaden in diesem Sinne ist die Verletzung tierschutzrechtlicher Normen.
Haben sich im Verantwortungsbereich einer Person bereits gleichartige oder ähnliche Verstöße ereignet, so kann mangels gegenteiliger Anhaltspunkte von einer Wiederholungsgefahr ausgegangen werden.
Abgrenzungen:
- § 16a ermächtigt nicht zu tierschutzrechtlichen Anordnungen der Gefahrenvorsorge oder zu Gefahrerforschungsmaßnahmen im Vorfeld konkreter tierschutzrechtlicher Gefahren. Besteht also noch keine Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem tierschutzrechtlichen Verstoß kommen wird, sondern nur eine mehr oder minder entfernte Möglichkeit, so ist nach § 16 Abs. 2 und 3 (i. V. m. § 16a Abs. 1 S. 1) vorzugehen, denn die dortigen Befugnisse setzen (abgesehen von Abs. 3 Nr. 2) noch keine Gefahr im Sinne des Gefahrenabwehrrechts voraus (vgl. VGH Mannheim Beschl. v. 9.8.2012, 1 S 1281/12, juris-Rn. 4; mit dem Vorgehen nach § 16 Abs. 2 und 3 sind Auskunftsverlangen, behördliche Nachschauen und Durchsuchungen gemeint, also Maßnahmen die der Aufklärung dienen, ob ein tierschutzwidriger zustand bereits eingetreten ist bzw. eine entsprechende Gefahr droht).
ZU (2) Richtiger Adressat oder Anordnung?
- Die Behörde erlässt daher normalerweise ihre Anordnung gegenüber demjenigen, der durch sein Handeln (auch: pflichtwidriges Unterlassen) für den tierschutzwidrigen Vorgang oder Zustand ursächlich geworden ist bzw. zu werden droht (Verhaltensstörer; vgl. OVG Bremen Beschl. v. 29. 10. 2018, 1 B 230/18, juris Rn. 6).
- Bei Verstößen gegen § 2 wendet sie sich an den Halter, Betreuer und/oder Betreuungspflichtigen.
- In Betracht kommt auch die Inanspruchnahme einer Person als Zustandsstörer, z. B. als Besitzer oder Eigentümer der Räumlichkeiten, in denen der Vorgang stattfindet, oder das gefährdete Tier sich befindet (vgl. VG Arnsberg Beschl. v. 20.11.2007, 14 L 749/07: Verantwortlichkeit eines Hofbetreibers für sämtliche auf dem Hof lebenden Katzen, wenn sich dort hofzugehörige, benachbarte und verwilderte Katzen mangels Kastration der Tiere unkontrolliert vermehrt haben, so dass eine Zuordnung der Tiere zu den verschiedenen Gruppen nicht mehr getroffen werden kann).
- Es ist sogar möglich, unbeteiligte Personen als sog. Notstandspflichtige ausnahmsweise in Anspruch zu nehmen; dies geschieht dann, wenn bei einer unmittelbar bevorstehenden oder schon eingetretenen, fortdauernden Störung die rechtzeitige Inanspruchnahme des Verhaltens- oder Zustandsstörers nicht möglich ist und die eigenen Mittel der Behörde nicht ausreichen (vgl. zB Art. 9 Abs. 3 LStVG Bayern; § 9 PolG BW; § 9 HSOG).
- Unter mehreren Verhaltens- und Zustandsstörern besteht Auswahlermessen. Die Behörde soll denjenigen in Anspruch nehmen, der die Gefahr bzw. Störung am schnellsten, wirksamsten und mit dem geringsten Aufwand, also am effektivsten beseitigen kann (vgl. VG Würzburg, Urt. v. 21. 7. 2016, W 5 K 14.1123, juris Rn. 56).
- Lässt sich nach diesen Kriterien keine Auswahl treffen, hält man sich an den Verhaltensstörer.
- Auch gegen tierschutzwidrige Vorgänge, die im Ausland stattzufinden drohen, kann eingeschritten werden, sofern ein Tun oder garantiepflichtwidriges Unterlassen im Inland für diese Gefahr ursächlich wird (wichtig z. B. für Tiertransporte: Einschreiten gegen den Versender, Spediteur usw., wenn diese durch ihr Verhalten im Inland eine nicht hinwegdenkbare Ursache dafür setzen, dass es nach Überschreitung der Grenze zu tierschutzwidrigen Zuständen kommt; vgl. dazu Kluge in: Kluge Hrsg., Kommentar zum TierSchG 2002, § 16a Rn. 14).
ZU (3) „notwendige“ Anordnung?
Wann ist eine Anordnung „notwendig“ i. S. v- § 16a Abs. 1 S. 1 TierSchG?
- „notwendig“ sind Anordnungen, wenn sie dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen.
- Sie müssen also geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinne sein (vgl. z. B. § 5 PolG BW, § 4 HSOG).
- „Geeignet“ bedeutet, dass die angeordnete Maßnahme zweckgerecht sein muss.
- „Erforderlich“ bedeutet, dass von mehreren Maßnahmen, die die Beendigung bzw. Verhütung des Verstoßes mit gleicher Sicherheit erwarten lassen, diejenige zu wählen ist, die den Einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten belastet; es darf also kein milderes Mittel in Betracht kommen.
- „Verhältnismäßig im engeren Sinne“ meint die Relation zwischen Nutzen und Schaden: Unverhältnismäßigkeit liegt vor, wenn der Nachteil, den die Anordnung dem Betroffenen auferlegt, schwerer wiegt als der Verstoß, der damit beendet bzw. verhindert werden soll (Abwägung der betroffenen Rechtsgüter; vgl. VG Würzburg, Urt. v. 3. 3. 2016, W 5 K 15.613, juris Rn. 32); im Rahmen der Verhältnismäßigkeit sind auch die Grundrechte zu prüfen (z. B. wenn die Maßnahme in Art. 2, 12 oder 14 GG eingreift).
- Abgesehen davon, dass die Anordnungen notwendig (i. S. der o. e. drei Elemente des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit) sein müssen, nimmt das TierSchG grds. keine Begrenzung der zulässigen Maßnahmen vor (vgl. VGH Mannheim, B. v. 9. 8. 2012, 1 S 1282/12, juris Rn. 5; VG Freiburg, B. v. 8. 5. 2017, 6 K 1428/17, juris Rn. 21).
Einschub: im Verwaltungsverfahren gilt der Untersuchungsgrundsatz, d. h.:
- Die Behörde klärt den Sachverhalt gem. § 24 Abs. 1 S. 1 VwVfG von Amts auf.
- Im Rahmen dieser Aufklärungspflicht muss sie die entscheidungserheblichen Tatsachen unabhängig vom Vortrag der Verfahrensbeteiligten ermitteln und alle Möglichkeiten zur Aufklärung des maßgeblichen Sachverhalts ausschöpfen.
- Dabei ist sie weder an das Vorbringen der Beteiligten noch an deren Beweisanträge gebunden.
- Nach § 24 Abs. 2 VwVfG hat sie alle für den Einzelfall bedeutsamen Umstände, die ihr bekannt sind oder die sie mit zumutbarem Aufwand ermitteln kann, bei ihrer Entscheidung zu berücksichtigen.
- Zur Verwendung von Erkenntnissen und Beweismitteln aus einem staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren, selbst wenn dieses nicht oder noch nicht zu einer strafrechtlichen Verurteilung geführt hat, vgl. VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 51: „Auch sofern das strafrechtliche Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, widerspricht die Verwertung der staatsanwaltlichen Ermittlungen im behördlichen und gerichtlichen Verfahren nicht dem Gebot der Unschuldsvermutung (Art. 6 Abs. 2 EMRK und Art. 20 Abs. 3 GG). Denn den Verwaltungsbehörden und Verwaltungsgerichten ist es nicht verwehrt, die im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gewonnenen Erkenntnisse und Beweismittel zu verwerten und einer eigenständigen Überprüfung im behördlichen bzw. gerichtlichen Verfahren zu unterziehen (BVerfG, B. v. 16. 1. 1991, 1 BvR 1326/90, juris Rn. 21).“
ZU (4) Entschließungsermessen? Auswahlermessen?
Entschließungsermessen; Auswahlermessen
In Rechtsprechung und Literatur setzt sich zunehmend die Auffassung durch, dass § 16a Abs. 1 S. 1 der Behörde zwar in der Regel ein Auswahlermessen einräumt, aber kein Entschließungsermessen, d. h.: die Behörde muss zur Beseitigung festgestellter und zur Verhütung künftiger Verstöße tätig werden und kann nicht über das „Ob“ sondern nur über das „Wie“ ihres Tätigwerdens entscheiden.
Rechtsprechung dazu: VGH München, B. v. 8. 11. 2016, 20 CS 16.1193: bei Vorliegen eines festgestellten Verstoßes bzw. bei absehbaren künftigen Verstößen besteht eine Pflicht zum Tätigwerden, besteht also kein Entschließungsermessen sondern allein ein Auswahlermessen; VG Schleswig Urt. v. 2. 7. 2018, 1 A 58/16, juris Rn. 49: „kein Entschließungsermessen, bei der Feststellung von Verstößen muss die Behörde somit einschreiten“; VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 118: „Bei der Feststellung von tierschutzrechtlichen Verstößen hat die zuständige Behörde in der Regel ohnehin kein sog. Entschließungsermessen. Sie muss zur Beseitigung festgestellter und zur Verhütung künftiger Verstöße tätig werden und kann nicht über das „Ob“, sondern nur über das „Wie“ ihres Tätigwerdens entscheiden“; VG Gelsenkirchen, B. v. 4. 2. 2016, 16 L 221/16, juris Rn.14; VG Berlin B. v. 19.2.2013, 24 L 25.13, juris-Rn. 18: „Hinsichtlich der nach § 16a S. 1 [aF] zu treffenden Anordnungen hat die Behörde kein sog. Entschließungsermessen, sondern ist verpflichtet, gegen bereits vorliegende oder zu erwartende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz einzuschreiten“; ebenso VG Saarlouis Urt. v. 24.2.2010, 5 K 531/09, juris-Rn. 59: „Die Regelung begründet … die Verpflichtung zum Einschreiten gegen bereits eingetretene oder zu erwartende Verstöße“; VG Regensburg, B. v. 20.8.2010, RN 4 S 10.970, juris-Rn. 52; Urt. v. 2.12.2003, RN 11 S 03.2415: „§ 16a S. 1 [aF] verpflichtet die Behörde dazu, die zur Beseitigung festgestellter Verstöße und zur Verhütung künftiger Verstöße notwendigen Anordnungen zu treffen. Ein Ermessen besteht dabei nicht. Der Wortlaut des Gesetzes ist eindeutig“.
Das Auswahlermessen, das das „Wie“ des Einschreitens, also die Wahl des Handlungsmittels betrifft, wird durch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit geleitet und beschränkt.
In der Begründung ihrer Anordnung muss die Behörde u. a. zum Ausdruck bringen, dass sie ihren Ermessensspielraum erkannt und genutzt hat. Deshalb ist darzulegen, welches die Gründe für die Wahl der ergriffenen Maßnahme(n) waren. Es darf nicht erkennbar werden, dass sie dabei von falschen oder unvollständig ermittelten Tatsachen ausgegangen ist oder Erwägungen, die dem Gesetzeszweck widersprechen, angestellt hat. Auch sollte deutlich gemacht werden, dass sie sich mit möglichen anderen, weniger belastenden Handlungsalternativen auseinandergesetzt und diese mit zutreffender Begründung, z. B. wegen nicht ausreichender Effektivität, abgelehnt hat. Sie muss auch das Ausmaß der wirtschaftlichen und sonstigen Belastung, die von ihrer Anordnung für den Adressaten ausgeht, zutreffend eingeschätzt haben, ebenso die Schwere des Verstoßes und die möglichen Nachteile, um deren Abwendung es geht und die bei einem Untätigbleiben oder bei einer Beschränkung auf weniger effektive Handlungsalternativen gedroht hätten.
Vgl. dazu VG Schleswig, B. v. 30. 6. 2017, 1 B 45/17, juris Rn. 22, und B. v. 20. 4. 2017, 1 B 9/17, juris Rn. 23: „Notwendige Anordnungen … sind diejenigen, die dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen, d. h. sie müssen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig i. e. S. sein. ‚Geeignet‘ bedeutet, dass die Maßnahme zweckgerecht sein muss. ‚Erforderlich‘ bedeutet, dass von mehreren Maßnahmen, die die Beendigung bzw. Verhütung des Verstoßes mit gleicher Sicherheit erwarten lassen, diejenige zu wählen ist, die den einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten belastet; es darf kein milderes Mittel in Betracht kommen. „Verhältnismäßigkeit i. e. S. meint die Relation zwischen Nutzen und Schaden: Unverhältnismäßigkeit liegt vor, wenn der Nachteil, den die Anordnung dem Betroffenen auferlegt, schwerer wiegt als der Verstoß, der damit beendet bzw. verhindert werden soll (Abwägung der betroffenen Rechtsgüter).“
Eine grds. richtige Ermessensausübung liegt vor, wenn die Behörde dem Tierschutz gegenüber den persönlichen Interessen (z. B. Finanzen) des Halters Vorrang einräumt (vgl. VG Stuttgart in: Recht der Landwirtschaft <RdL> 1998, 110).
ZU (5) Bestimmtheit der Anordnung
Die Anordnung muss inhaltlich hinreichend bestimmt sein (§ 37 Abs. 1 VwVfG).
- Der Regelungsgehalt eines Verwaltungsakts ist entsprechend §§ 133, 157 BGB durch Auslegung zu ermitteln. Dabei ist der erklärte Wille maßgebend, wie ihn der Empfänger bei objektiver Würdigung verstehen konnte. Bei der Ermittlung dieses objektiven Erklärungswertes sind alle dem Empfänger bekannten oder erkennbaren Umstände heranzuziehen, insbesondere auch die Begründung des Verwaltungsaktes (OVG Lüneburg, B. v. 29. 11. 2017, 11 ME 268/17, im Anschluss an BVerwG, Urt. v. 16. 10. 2013, 8 C 21.12; VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 31: „Die Begründung bestimmt damit den Inhalt der getroffenen Regelung mit, sodass sie in aller Regel unverzichtbares Auslegungskriterium ist“).
- Der Adressat der Anordnung soll aus dem Anordnungssatz, jedenfalls aber aus der Begründung der Anordnung ersehen können, was er tun soll oder nicht tun darf (vgl. VGH München RdL 1978, 82, 83; VG Regensburg Urt. v. 1.7.2014, RN 4 K 14.85: Es genügt, dass aus dem gesamten Inhalt des VA und aus dem Zusammenhang, vor allem aus der Begründung, aus den den Beteiligten bekannten näheren Umständen des Erlasses, den dem Erlass vorausgegangenen Anträgen usw. „im Wege einer an den Grundsätzen von Treu und Glauben orientierten Auslegung hinreichend Klarheit gewonnen werden kann“; VG Stuttgart NuR 1999, 232, 233: Konkretisierung in der Begründung ausreichend; VG Würzburg, Urt. v. 3. 3. 2016, W 5 K 15.613, juris Rn. 35:“ Zur Auslegung eines Verwaltungsakts sind neben dem Anordnungssatz und der Begründung auch die dem Adressaten bekannten Begleitumstände heranziehen, etwa wenn dem Halter aufgrund vorangegangener Beanstandungen klar sein musste, welche Zustände damit vermieden werden sollten“; ebenso Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 24: „ … einschl. etwaiger Hinweise bei vorangegangenen Kontrollen“).
- Grundsätzlich reicht es aus, wenn der VA den zu erreichenden bzw. zu vermeidenden Erfolg oder Zustand hinreichend bestimmt bezeichnet und das Mittel dafür dem Adressaten überlässt; dies genügt jedenfalls bei Verboten (vgl. BGHZ 129, 40 = NJW 1995, 1894; BVerwGE 84, 338, 339). Wird aber ein Erfolg verlangt, zu dessen Herbeiführung es sehr unterschiedliche Wege gibt, so kann es erforderlich sein, auch hinreichend bestimmt aufzuzeigen, welche der in Betracht kommenden Maßnahmen erwartet wird (vgl. VGH München RdL 1978, 82, 83). Andererseits muss dem Adressaten aber eine Auswahlmöglichkeit belassen werden, wenn es verschiedene gleichwertige Wege zur Herstellung eines tierschutzkonformen Zustandes gibt (vgl. VG Magdeburg, Urt. v. 4. 7. 2016, 1 A 1198/14, juris Rn. 34: „ … kann es auch der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gebieten, dass die Behörde dem Betroffenen bei der Auswahl des Mittels Entscheidungsfreiheit lässt“).
- Als zu unbestimmt angesehen wurde eine Anordnung, die dem Halter lediglich aufgibt, seine Rinder beim Auftreten von Fellveränderungen tierärztlich untersuchen zu lassen, ohne diejenigen Fellveränderungen, die eine Zuziehung des Tierarztes erforderlich machen, näher zu beschreiben (vgl. VG Darmstadt, 15.1.2004, 3 G 2177/03).
- Eine Anordnung, wonach ein Pferdehalter die Unterstände in den Ausläufen, die Laufställe sowie sämtliche Boxen „ständig trocken halten und ausreichend einstreuen“, die Fütterungs- und Aufenthaltsbereiche der Ausläufe „als morastfreie Fläche gestalten“ sowie für „hygienische Futtervorrichtungen sorgen“ solle, ist als hinreichend bestimmt und vollziehbar angesehen worden, jedenfalls wenn dem Halter aufgrund vorangegangener Beanstandungen klar sein musste, welche Zustände damit vermieden werden sollen; denn zur Auslegung eines Verwaltungsakts sind neben dem Anordnungssatz und der Begründung auch die dem Adressaten bekannten Begleitumstände heranzuziehen (VGH München B. v. 4.9.2007, 25 CS 07.1908, juris-Rn. 5; vgl. auch VG Würzburg Beschl. v. 17.9.2010, W 5 S 10.935, juris-Rn. 31 für vorangegangene mündliche Beanstandungen).
- Weitere Beispiele aus der Rechtsprechung:
- Die Anordnung, die gehaltenen Rinder zweimal jährlich (Frühjahr und Herbst) gegen Parasiten behandeln zu lassen, ist in zeitlicher Hinsicht ausreichend bestimmt; gleiches gilt für die Anordnung, bei den Rindern zweimal jährlich Sammelkotproben zu nehmen und auf Parasiten untersuchen zu lassen (OVG Lüneburg, B. v. 29. 11. 2017, 11 ME 268/17).
- Die Anordnung, Rinder nicht „in dunklen Ställen bzw. an dunklen Standorten“ zu halten, ist als nicht hinreichend bestimmt eingestuft worden (VG Oldenburg Urt. v. 13.2.2013, 11 A 4220/12, juris-Rn. 22).
- Die Anordnung, Pferden „ausreichend Auslauf“ zu gewähren, ist ausreichend bestimmt, wenn in der Begründung darauf hingewiesen wird, dass die Auslauffläche für bis zu zwei Pferde mehr als 150 m² betragen muss (VGH München B. v. 23.10.2012, 9 ZB 11.1796, juris-Rn. 4).
- Die Anordnung, Schafen und Ziegen bei „dauernder Haltung im Freien“ einen Witterungsschutz und trockenen Liegeplatz zur Verfügung zu stellen, ist jedenfalls dann zu unbestimmt, wenn auch bei Heranziehung der Begründung offen bleibt, wann von einer dauernden Haltung im Freien auszugehen ist (vgl. VG Regensburg Urt. v. 1.7.2014, RN 4 K 14.85: Tag und Nacht? ganzjährig? von Mai-November?
- Die Anordnung, einen bestimmten Zustand, z. B. Entmistung und Säuberung des Stalles „umgehend“ herbeizuführen, ist zwar für den Grundverwaltungsakt ausreichend bestimmt, reicht aber für eine Zwangsgeldandrohung nicht aus, weil bei Androhung oder Festsetzung eines Zwangsgeldes eine kalendermäßig bestimmte Frist angegeben werden muss (VG Würzburg, Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 35).
- Gesetzeswiederholende Verfügungen, die eine schon durch das Gesetz normierte Pflicht wiederholen, sind zwar zulässig, müssen aber das Verlangte – d. h. den herbeizuführenden Erfolg oder Zustand – hinreichend bestimmt bezeichnen. Vorteile dieses Vorgehens: Die mittels Verwaltungsakt ausgesprochene Pflicht kann anschließend mit Verwaltungszwang durchgesetzt werden, und nach Eintritt der Bestandskraft ist dem Adressaten der Einwand, er sei dazu nicht verpflichtet, abgeschnitten.
- Fall, beschrieben von einer Verwaltungsrichterin, Aktenzeichen nicht bekannt: Anordnung „die Kontrolle Ihrer Pferdehaltung und die Einsicht in die Equidenpässe zu dulden“. Anordnung zwar rechtmäßig, aber nicht durch Festsetzung eines Zwangsgeldes vollstreckbar, weil es dazu hätte heißen müssen: „Ihnen wird aufgegeben, zu allen Pferden die Equidenpässe vorzulegen.
ZU (6) Anhörung (§ 28 Abs. 1 – 3 VwVfG)
Grundsätzlich ist der Adressat nach § 28 Abs. 1 – 3 VwVfG vorher – und sei es auch nur mündlich oder telefonisch – anzuhören; dabei müssen ihm die entscheidungserheblichen Tatsachen, soweit er sie nicht schon kennt, und die Ergebnisse einer etwaigen Beweisaufnahme mitgeteilt werden, und er muss Gelegenheit haben, dazu Stellung zu nehmen. Sofern die Anhörung mündlich oder telefonisch erfolgt, ist anzuraten, darüber einen schriftlichen Vermerk anzufertigen, um im Falle eines späteren Klageverfahrens den Nachweis führen zu können.
Bei Gefahr im Verzug oder wenn ein zwingendes öffentliches Interesse entgegensteht (z. B. weil es den Zweck der Maßnahme bei vorheriger Anhörung vermutlich vereiteln würde; weitere Ausnahmen sind in § 28 Abs. 2 VwVfG geregelt) kann man aber davon absehen und die Anhörung im Widerspruchs- bzw. Klageverfahren nachholen.
Die mangelnde Gewährung rechtlichen Gehörs kann gemäß § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG bis zum Abschluss der letzten Tatsacheninstanz des verwaltungsgerichtlichen Verfahrens geheilt werden, wenn die Behörde in der Begründung ihres Bescheids die für sie maßgeblichen Tatsachen und Beweisergebnisse und ihre Ermessenserwägungen mitteilt, so dass der Betroffene Gelegenheit hat, dazu Stellung zu nehmen, und wenn sie die daraufhin erhobenen Einwendungen ernsthaft in Erwägung zieht, z. B. im Nichtabhilfebescheid, im Widerspruchsbescheid, in der Klageerwiderung oder in der Erwiderung auf einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO (vgl. dazu VG Gießen, B. v. 15. 5. 2017, 4 L 1290/17.GI, juris Rn. 49: „Sollte eine ordnungsgemäße Anhörung des Antragstellers nicht erfolgt sein, so ist der VA zum Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung nicht mehr fehlerhaft. Der Antragsgegner hat nämlich die im Widerspruch wie im gerichtlichen Antrag angeführten Einwendungen des Antragstellers zu der Anordnung - zumindest im laufenden gerichtlichen Verfahren - zur Kenntnis genommen und darauf geantwortet, so dass eine Heilung des Verfahrensfehlers gem. § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG erfolgt ist“).
ZU (7) Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit
Die Anordnung der sofortigen Vollziehung oder Vollziehbarkeit kann nach § 80 Abs. 2 S. 1 Nr. 4, Abs. 3 Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) ergehen.
- Die Gefahr, dass ohne ein sofortiges Handeln anhaltende (nicht notwendig: erhebliche) Schmerzen, Leiden oder Schäden fortdauern, begründet in der Regel das notwendige besondere öffentliche Vollzugsinteresse;
- ebenso die Gefahr, dass ein bereits eingetretener Missstand, z. B. ein Verstoß gegen § 2, sonst bis zum Eintritt der Bestandskraft weiter fortdauert (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 232, 233; 235, 236).
- Erst recht gilt dies, wenn mit weiteren Verstößen noch vor Eintritt der Bestandskraft gerechnet werden muss (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 718, 720; vgl. auch VG Gießen NuR 2003, 506, 507 unter Hinweis auf „die Inkorporation des Tierschutzes in Art. 20a GG“, die das öffentliche Interesse, Missstände nicht fortdauern bzw. Verstöße nicht eintreten zu lassen, untermauere).
- Verfügungen, die die gesetzlichen Duldungs- und Mitwirkungspflichten nach § 16 Abs. 3 konkretisieren, können in der Regel für sofort vollziehbar erklärt werden, weil Kontrollen ihren Zweck häufig nur erfüllen, wenn sie den Tierhalter unvorbereitet treffen (vgl. VG Stuttgart NuR 1999, 718, 720).
ZU (8) Begründung
8a. Die Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit
- Die Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit muss ausdrücklich ausgesprochen und gemäß § 80 Abs. 3 S. 1 VwGO grds. schriftlich begründet werden.
- Allgemeine Anforderungen an diese Begründung:
- Sie darf nicht lediglich formelhaft sein, sondern muss auf den konkreten Einzelfall eingehen (VG Bremen, B. v. 22. 2. 2016, 5 V 2463/15, juris Rn. 12).
- Sie muss ergeben, dass an der sofortigen Vollziehung ein besonderes öffentliches Interesse besteht, das über dasjenige Interesse hinausgeht, welches den Verwaltungsakt selbst rechtfertigt, und dass dieses Interesse hinter das das Interesse des Betroffenen, zunächst nicht von den Wirkungen des angegriffenen Verwaltungsaktes betroffen zu werden, zurückzutreten hat (vgl. Kopp/Schenke VwGO 22. Aufl. 2016, § 80 Tn. 85).
- In der Begründung muss auf die Umstände des konkreten Falles eingegangen werden (vgl. VGH München, B. v. 25. 5. 2016, 20 CS 16.517, juris Rn. 15: Begründung muss auf den konkreten Einzelfall abstellen und darf sich nicht mit formelhaften Erwägungen begnügen. Es muss dargelegt werden, dass ein weiterer Aufschub im Falle der Einlegung eines Rechtsbehelfs aufgrund der festgestellten oder unmittelbar drohenden Verstöße nicht vertretbar wäre, dass das öffentliche Interesse an der Beendigung oder Vermeidung tierschutzwidriger Handlungen oder Zustände vorrangig gegenüber dem gegenläufigen Individualinteresse des Adressaten der Anordnung ist, oder dass aus generalpräventiven Gründen sofort wirkende Maßnahmen nötig sind uÄ)
- An dieses besondere öffentliche Interesse sind umso strengere Anforderungen zu stellen, je schwerwiegender die dem Bürger durch den Verwaltungsakt auferlegte Belastung ist und je mehr die Maßnahme der Verwaltung Unabänderliches bewirkt (VG Gießen, B. v. 23. 4. 2018, 4 L 1056/18.GI, juris Rn. 35 im Anschluss an BVerfG, B. v. 18. 7. 1973, 1 BvR 23/73, BVerfGE 35, 382).
- Deshalb reicht i. d. R. eine Bezugnahme auf die Begründung des VA nicht aus, vielmehr müssen die o. e. Gefahren, die den Sofortvollzug begründen sollen, angegeben werden. Dabei ist auf die Umstände des Einzelfalles einzugehen (vgl. VGH München, B. v. 8. 11. 2016, 20 CS 16.1193, juris Rn. 20: Begründung nicht ausreichend, wenn sie keinen Bezug zum konkreten Sachverhalt und keine auf den Einzelfall abstellende Aussage enthält).
- Es gibt aber in der Rechtsprechung auch Fälle, wo die Gründe, die für den Verwaltungsakt angegeben worden sind, auch als ausreichend zur Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit angesehen worden sind:
- VGH München, B. v. 31. 1. 2017, 9 CS 16.2021, Orientierungssatz 1: „Das besondere Vollzugsinteresse für die Anordnung des Sofortvollzugs einer tierschutzrechtlichen Anordnung ergibt sich jedenfalls in Fällen einer konkreten Gefährdung der Tiere regelmäßig aus der Grundverfügung;
- Ebenso VG Schleswig, B. v. 8. 6. 2017, 1 B 24/17, juris Rn. 6: Begründung ausreichend, wenn darin die besondere Dringlichkeit der angeordneten Maßnahmen zur Vermeidung von Schmerzen, Leiden und Schäden während der Dauer eines Rechtsbehelfsverfahrens deutlich zum Ausdruck kommt;
- VG Schleswig, B. v. 8. 5. 2017, 1 B 53/17, juris Rn. 9: „An der Verhinderung vermeidbarer Leiden der geschützten Tiere besteht ein besonderes öffentliches Interesse, das über das allgemeine öffentliche Interesse an der Durchsetzung tierschutzrechtlicher Verfügungen hinausgeht“;
- VG Münster, B. v. 12. 4. 2018, 1 L 2222/17, juris Rn. 4: Begründung ausreichend, wenn sie „auf die spezifischen Gefahren für den Tierschutz abstellt, die hier aus einem weiteren Abwarten bis zur Bestandskraft des Bescheides resultieren“;
- VG Freiburg, B. v. 8. 5. 2017, 6 K 1428/17, juris Rn. 16: Dient der zu vollziehende VA der Abwehr einer konkreten Gefährdung von Tieren, z. B. weil die Annahme gerechtfertigt ist, der Betroffene werde weiterhin Zuwiderhandlungen gegen das TierSchG begehen, ist der Verweis auf diese Gefährdung auch ausreichend als Begründung nach § 80 Abs. 3 S. 1 VwGO.
- VG München, B. v. 15. 11. 2016, M 23 S 16.3863, juris Rn. 29: grds. ausreichend, wenn unter Angabe der besonderen, auf den konkreten Fall bezogenen Gründe darauf verwiesen wird, dass zum Schutz der betroffenen Tiere eine artgerechte Haltung möglichst umgehend sicherzustellen sei.
- Bei Gefahr im Verzug ist nach § 80 Abs. 3 S. 2 VwGO die Anordnung auch mündlich unter der Bezeichnung als Notstandsmaßnahme möglich (Achtung! § 80 Abs. 3 S. 2 entbindet nur von der Notwendigkeit der schriftlichen Begründung; eine mündliche Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit nebst mündlicher Begründung als Notstandsmaßnahme bleiben erforderlich, vgl. OVG Münster RdL 1980, 49, 50).
- Nach § 37 Abs. 2 S. 2 VwVfG ist ein mündlich ergangener VA schriftlich zu bestätigen, wenn hieran ein berechtigtes Interesse besteht und der Betroffene dies unverzüglich verlangt; auch ohne diese Voraussetzungen kann die Behörde eine solche Bestätigung vornehmen. Es ist dann darauf zu achten, die mündlich ausgesprochene Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit nebst Begründung in diese Bestätigung aufzunehmen.
8b. Begründung des Verwaltungsaktes
Die Begründung, die einem schriftlichen oder schriftlich bestätigten Verwaltungsakt grds. beizufügen ist (Ausnahmen sind geregelt in § 39 Abs. 2 VwVfG), enthält die Tatsachen und die rechtlichen und fachlichen Erwägungen sowie die Ermessenserwägungen, die für das Einschreiten maßgebend sind.
Zur Darstellung der Verhältnismäßigkeit ist es sinnvoll, sich auch mit weniger einschneidenden Maßnahmen auseinander zu setzen und zu begründen, weshalb diese nicht ausgereicht hätten.
Bei besonders einschneidenden Anordnungen wie Fortnahmen, Haltungsuntersagungen u. Ä. kann es hilfreich sein, wenn man auf früher erlassene, weniger einschneidende Maßnahmen hinweisen und deren Erfolglosigkeit darstellen sowie den Zustand der vorgefundenen Tiere mit Fotos bzw. Filmaufnahmen und zeitnah erstellten Protokollvermerken, Untersuchungsberichten und Gutachten belegen kann.
Zur gesonderten Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit s. o. Folie 12.
ZU (9) Vollstreckung
Die Vollstreckung erfolgt nach dem Landesverwaltungsvollstreckungsgesetz.
Ist der Verantwortliche abwesend und nicht rechtzeitig erreichbar, so kommt nach dem jeweiligen Landesrecht (vgl. z. B. § 8 PolGBW, § 8 HSOG) auch die unmittelbare Ausführung in Betracht (Beispiele nach Ludwig AtD 2013, 111, 112: unverzügliches Tränken durstiger Tiere; Rettung eines Hundes aus dem heißen Pkw).
Wird für den Fall der Nichtvornahme einer unvertretbaren Handlung ein Zwangsgeld angedroht, so muss zur Erfüllung der Verpflichtung vorher oder gleichzeitig eine kalendermäßige Frist bestimmt werden (vgl. VG Würzburg, Urt. v. 11. 12. 2017, W 8 K 17.538, juris Rn. 34, 35: Zwangsgeldandrohung für den Fall des Verstoßes gegen die Anordnung, „umgehend“ oder „unverzüglich“ etwas zu tun, rechtswidrig, denn die Frist, für deren fruchtlosen Ablauf das Zwangsgeld angedroht wird, muss kalendermäßig bestimmt sein).
Die Zwangsgeldandrohung ist dann ausreichend bestimmt, wenn erkennbar ist, „für den Verstoß gegen welche Handlungs-, Duldungs- oder Unterlassungspflicht ein Zwangsgeld in welcher Höhe angedroht wird“ (VGH Mannheim, Urt. v. 17. 8. 1995, 5 S 71.95) bzw. „für welchen Fall der Nichterfüllung einer Anordnung aus dem streitgegenständlichen Bescheid ein Zwangsgeld in welcher Höhe droht“ (VG Augsburg, B. v. 10. 6. 2008, Au 5 S 08.519).
Ist für den Fall, dass eine Anordnung nicht, nicht vollständig, nicht richtig oder nicht fristgerecht befolgt wird, ein Zwangsgeld angedroht und wegen eines Verstoßes später festgesetzt worden, so kann für den Fall eines erneuten Verstoßes auch ein deutlich höheres Zwangsgeld angedroht werden (vgl. OVG Lüneburg, Urt. v. 23. 2. 2017, 11 LB 96/16 juris Rn. 44).
Wird hins. einer vertretbaren Handlung die Ersatzvornahme angedroht, so muss auch mit ausreichender Bestimmtheit angegeben werden, unter welchen Voraussetzungen diese stattfinden wird (vgl. VG München, Urt. v. 22. 7. 2015, M 23 K 15.1397, juris Rn. 38: Verstoß gegen § 37 Abs. 1 VwVfG, wenn hins. einer Anordnung, die ausreichende Futter- und Wasserversorgung der Tiere sicherzustellen, Ersatzvornahme für den Fall „dass seitens des Veterinäramts weiterhin Zweifel an der ausreichenden Grundversorgung der Tiere mit Heu bestehen“ angedroht wird).